[MSN] Deutsche Beutekunst trifft russische Seele
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Tue Mar 18 11:40:00 CET 2008
Deutsche Beutekunst trifft russische Seele
Ein Buch erklärt, warum Russen europäische Kunst so sehr mogen
Die Pose andächtigen Staunens beherrschen sie wie die perlenkettenbewehrten,
in Pelz gehüllten Damen der Moskauer oder New Yorker Schickeria. Doch die
vier Museumsbesucher, die den Einband von Kerstin Holms
Beutekunstgeschichtenbuch "Rubens in Sibirien" schmücken, scheinen gerade
vom Melkschemel aufgestanden, um sich vor dem Bild einer nackten Venus zu
versammeln. Kunst und Leben - so will das Foto wohl sagen - Kunst und Leben
gehören in der Sowjetunion zusammen. Deshalb kommen die Menschen direkt aus
dem Stall ins Museum und verharren in andächtigem Staunen und Arbeitskitteln
vor der Kunst.Die Idee vom neuen Menschen ist gestorben wie das Sowjetreich.
Nur die Utopie bewahrte sich mancher noch eine Zeit lang. Einer von ihnen
ist Alexej Rastorgujew. Der Moskauer Kunsthistoriker veröffentlichte in der
Zeit von Glasnost und Perestroika, als viele Russen auf eine neue Zeit
hofften, einen Aufsatz, in dem er die russischen Beutekunstlager und ihre
Schätze benannte und Vorschläge machte, wie eine Rückgabe all dieser Kunst
an Deutschland aussehen könnte. Aus russischer Sicht ein ungeheurer
Tabubruch. Zwar wurde die von ihm vorgeschlagene Kommission zur Rückgabe
noch einberufen, doch ihre Arbeit blieb ergebnislos - nichts wurde
zurückgegeben. Vielmehr ist heute selbst das Wort Beutekunst im offiziellen
russischen Sprachgebrauch verpönt. "Anatoli Wilkow, der in der
Aufsichtsbehörde Roschrankultura über die Unversehrtheit der russischen
Kulturschatzkammern wacht, erklärte mir, die Kulturwerte, die die
Trophäenbrigaden nach Russland gebracht hätten, dürfe man nicht Beute
nennen, wie ich es im Gespräch tat. Vielmehr hätten die sowjetischen
Sonderkommandos damals kompensatorische Restitution praktiziert", schreibt
Kerstin Holm.So sieht es auch Irina Antonowa, die berühmt-berüchtigte und
äußerst einflussreiche Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, die die
Beutekunst aus Dresden selbst in Moskau in Empfang nahm. Sie würgt wie
Wilkow jede Hoffnung auf eine Rückgabe verschleppter deutscher Museumskunst
ab. Die Kunst sei längst russisches Eigentum geworden. Lange verschollen
geglaubte Schätze werden nicht versteckt, sagt Antonowa, sondern wie jeder
andere Kunstbesitz in den Depots aufbewahrt, restauriert und dann auch
gezeigt. Seit dem gleich doppelt bestätigten Duma-Beschluss von 1997 sieht
es wohl ganz Russland so.Unter deutschen Wissenschaftlern scheint sich
deshalb eine Haltung durchgesetzt zu haben, die man pragmatische Resignation
nennen könnte. Sie wollen jetzt vor allem wissen, welche Kunstwerke aus
ihren Sammlungen sich in russischen Museen befinden und bieten Hilfe bei der
Restaurierung an. Dabei dürfen Kunstwerke keine Kriegsbeute sein. Das
schreibt die Haager Landkriegsordnung von 1907 vor, die auch von Russland
unterschrieben wurde.Ironie der Geschichte, an die Kerstin Holm mit viel
Sinn für historische Pointen in ihrem Buch erinnert: Der Vordenker der
Landkriegsordnung war der russische Jurist Fjodor Martens, der schon 1874
die Grundgedanken für die 1907 verabschiedete Vereinbarung formulierte. Auf
die beruft sich die deutsche Regierung wenn es um die Beutekunst geht, die
in russischen Museen ausgestellt oder in Depots versteckt wird. Sie erwartet
eine Rückgabe ohne Gegenleistung und bekommt seit 60 Jahren nichts. "Der
Direktor der Eremitage, Michail Piotrowski, hat, mit Blick auf die
Beutekunstdebatte, mir gegenüber die Deutschen einmal mit freundschaftlichem
Spott als 'sakonniki', als Rechtsfundamentalisten, charakterisiert. (..)
Deutschland benahm sich, als wolle es Russland zum rechtsstaatlichen Denken
erziehen", kommentiert Holm und weist darauf hin, dass sich deutsche Museen
nicht allzu sehr um Beutekunst aus Russland in ihren Depots kümmerten.
"Allmählich verfestigte sich der Eindruck, das Beutekunstproblem sei für
Deutschland nicht wirklich wichtig."Allein dem Bruderstaat DDR gab die
Sowjetunion ohne Bedingungen 1,5 Millionen Kunstwerke zurück - darunter die
Gemälde der Berliner Nationalgalerie und die Alten Meister aus Dresden, die
Preziosen aus dem Grünen Gewölbe und die Schätze des Berliner
Pergamonmuseums.Es ist ein großes Glück, dass Kerstin Holm die meisten
Protagonisten der Debatte persönlich kennt und die Haltung aller Seiten
erklären kann. Weshalb ihr Buch keine Kampfschrift für oder gegen die
Beutekunstrückgabe ist, sondern eher ein Erklärungs- und Deutungsversuch der
russischen Haltung. Um die ein wenig besser verstehen zu können, führt sie
in die russische Kunst- und Kulturgeschichte ein und erklärt, was westliche
Kunst und deren Besitz für Russland bedeutet und wie diese Kunst die
Entwicklung der russischen Künstler beeinflusste. Dafür fährt sie mit dem
Leser in russischen Gegenden, die schon auf der Karte nicht leicht zu finden
sind, die aber in ihren Museen stolz Beutekunst aus Deutschland neben
russischer Kunst ausstellen. Das spannendste für die Russen ist eben diese
europäisch-westliche Kunst, obwohl einige russische Künstler so beliebt
sind, dass auch ihre Werke gestohlen oder reihenweise gefälscht werden. Und
so sind die Passagen, die Kerstin Holm lokalen russischen Maler-Größen
widmet, durchaus interessant und sicher wirkt das Erlebnis der unendlichen
Weite, die der Russlandreisende auf dem Weg zu einem Provinzmuseum erlebt
auch auf sein Verständnis der Bilder, die unendliche Weite zeigen. Am
interessantesten sind trotzdem die Verwirrungen und Verstrickungen, die
offenen Geheimnisse und unversöhnlichen Gegensätze zwischen Deutschland und
Russland, wenn es um die Beutekunst geht.Kerstin Holm "Rubens in Sibirien.
Beutekunst aus Deutschland in der russischen Provinz", Berlin Verlag, 160
S., 18 Euro
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