[MSN] Beruf Kunstdetektivin. Auf der Jagd nach heißen Bildern

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Tue Jan 29 10:55:44 CET 2008


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Beruf Kunstdetektivin

Auf der Jagd nach heißen Bildern

 Sie ist die Deutschland-Chefin des internationalen "Art Loss Register",
fahndet von Köln aus nach gestohlenen Kunstwerken und kennt fast alle Tricks
und Kniffe der Räuber: Ulli Seegers, 37, ist eine der erfolgreichsten
Spürnasen der Republik.

Den Kragen des Trenchcoats hochgeschlagen, die Hände in den Manteltaschen
vergraben, den Hut tief ins Gesicht gezogen - so steht sie rauchend an
zugigen Häuserecken, durchforstet sie dunkle Spelunken. Und so stellt sich
Otto Normalverbraucher die Arbeit einer Detektivin vor. Ein Feger wie Emma
Peel mit dem Köpfchen von Miss Marple.

Ulli Seegers lacht. Sie ist Detektivin. Und zwar eine, die aus ihrer
Leidenschaft zur Kunst und Kunstgeschichte einen Beruf gemacht hat. Ulli
Seegers ist Kunstdetektivin. Seit 1999 ist die 37-Jährige Chefin des
deutschen "Art Loss Register (ALR)" in Köln. Im weltweit operierenden ALR
wird die international größte private EDV-Datenbank betreut, in der
annähernd 200.000 vermisste, verschollene oder gestohlene Kunstwerke,
Antiquitäten oder Sammlerstücke verzeichnet sind. Hunderte Meisterwerke
finden sich im Datenpool der Kunstdetektivin: Werke von van Gogh, Spitzweg,
Renoir, Chagall oder Miro - noch nie verschwanden so viele Millionen-Werte
aus Museen und Privatsammlungen wie heute. Allein 657 Picassos gelten als
vermisst. Erst im vergangenen Jahr waren wieder bedeutende Picasso-Gemälde
geraubt worden.  
Die Enkelin von Picasso wird bestohlen
Ulli Seegers wählt sich in ihre Datenbank ein: "Unglaublich, ausgerechnet
aus der Wohnung der Picasso-Enkelin Diana Widmaier-Picasso wurden die Werke
entwendet." Die beiden geraubten Bilder hatten einen geschätzten Wert von
mehr als 50 Millionen Euro. Gott sei Dank konnten die Bilder aber
mittlerweile wieder sichergestellt, die Täter dingfest gemacht werden. "Wir
kennen uns in diesem hoch spezialisierten Segment bestens aus und arbeiten
der Polizei selbstverständlich zu", sagt Ulli Seegers.  
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"Schrei" wieder aufgetauchtIn enger Zusammenarbeit mit ihren Kollegen in
aller Welt ist die promovierte Kunsthistorikerin täglich auf der Suche nach
Kostbarkeiten, die oftmals auf spektakuläre Weise entwendet worden sind. Zum
Beispiel in Wien. Nur mit einem Pflasterstein bepackt, verschaffte sich am
11. Mai 2003 ein Räuber nachts Zutritt über ein Baugerüst ins dortige
Kunsthistorische Museum und stahl aus einer Vitrine eine der wertvollsten
Renaissance-Skulpturen: Cellinis "Saliera" - ein 30 Zentimeter hoher
Salzstreuer aus purem Gold. Schätzwert: 50 Millionen Euro. Dauer der Aktion:
keine 60 Sekunden. Aber auch hier konnte der Fall relativ zügig aufgeklärt
werden. Im Januar 2006 konnte der Täter festgenommen werden, da dieser sich
auf Grund eines eindeutigen Fahndungsfotos selbst gestellt hatte.


Kunstwerke dienen zur Geldwäsche

Ulli Seegers unterteilt "ihre" Diebe in zwei Kategorien: Die erste Gruppe
ist klein, aber fein. Wie der Elsässer Stéphane Breitwieser, der jahrelang
Bilder aus europäischen Museen davongetragen und diese in seiner Wohnung
aufgehängt hat, um sich an der Schönheit der Werke zu ergötzen. Die andere
Gruppe ist kaum mehr überschaubar: Kriminelle, die in kürzester Zeit Geld
machen wollen. "Denen ist egal, was sie rauben, Kunst oder Luxuskarossen,
die nehmen alles, von dem sie glauben, es zu Geld machen zu können", sagt
Ulli Seegers. Nach neun Jahren im Geschäft kennt die gewiefte
Kunstdetektivin mittlerweile die Vertriebswege und weiß ziemlich genau, wo
und wie die Hehlerware abgesetzt wird. Dann kommt es nur noch auf den
richtigen Zeitpunkt an, um zuzuschlagen. Längst gehört der Kunstdiebstahl
auch zum Business der Organisierten Kriminalität. "Da gibt es häufig
Schnittstellen", weiß Seegers, "Kunstwerke dienen dem organisierten
Verbrechen als Instrument zur Geldwäsche oder als Zahlungsmittel."  

 © Privat Ulli Seegers im Einsatz: Die Kunstdetektivin bringt einem Museum
in Birmingham eine gestohlene Elfenbeinschnitzerei zurück 
Das "Art Loss Register" ist ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen
mit Sitzen in London, New York, Amsterdam, Neu Delhi und Moskau und wurde
von den Auktionshäusern Sotheby's und Christies mitgegründet. Eine
Mitgliedschaft im ALR kostet im Schnitt um die 4000 Euro im Jahr - kommt
ganz auf die Kunden und Mitglieder an. Partner sind neben
Kunstversicherungen, Galerien- und Kunsthändler-Verbänden etwa 15
renommierte Auktionshäuser. Eine Investition für die Mitglieder, die sich
auf alle Fälle lohnt. Denn bislang haben die Mitarbeiter der Büros
Kunstwerke im Gesamtwert von mehr als 112 Millionen Euro aufgespürt. Für
Hinterbliebene der ursprünglichen Besitzer von Nazi-Beutekunst forscht das
ALR umsonst. 


1000 gestohlene Kunstwerke pro Monat

An Aufträgen und Arbeit mangelt es nicht. Zu einem berühmten Fall wurde etwa
das geraubte Bild "Wasserlilien" von Claude Monet. Als 1998 Elaine Rosenberg
den Verlust des Bildes meldete - es wurde in den 40er Jahren von den Nazis
beschlagnahmt -, verfolgte das Kölner Büro die Spur des Werkes und wurde
schließlich in einem Museum in der Normandie fündig. Es gelang den Kölnern,
das Museum zu überzeugen, das Bild der rechtmäßigen Eigentümerin
zurückzugeben.

Pro Monat werden etwa 1000 gestohlene Kunstobjekte per Mail oder Fax
registriert, bis zu 30 Diebstähle sind das täglich. Allein in Deutschland
gehen Tag für Tag bis zu sieben Werke verloren. Da ist alles dabei, von
antiken Taufkannen über einen Beuys bis hin zu "Oma Ilse ihr Silberbesteck"
(Seegers): "Der Wert geraubter Ware ist kaum mehr zu taxieren", sagt die
Kunstdetektivin, "der geht in die zig Milliarden."  
Acht Zivilfahnder am Nebentisch
Die 1970 in Münster geborene Seegers hat ihre große Liebe zur Kunst schon
als junges Mädchen entdeckt. Nach dem Studium in München kam sie über ein
Galerie-Praktikum beim "Bundesverband deutscher Galerien" zum "Art Loss
Register". Doch geplant hat sie ihre Karriere als Kunstdetektivin nicht.
"Als sich mir 1999 die Möglichkeit bot, ins Art Loss Register einzusteigen,
war ich neugierig", sagt sie, "mich hat der Gedanke fasziniert, den
Kunstmarkt einmal von einer anderen Seite kennen zu lernen, eben einen Blick
hinter die Kulissen zu werfen."

Das ist ihr schon einige Male gelungen. Vor zwei Jahren hat Ulli Seegers
maßgeblich zur Aufklärung gestohlener Sigmar-Polke-Werke beigetragen. Nach
ergiebiger Recherche hatte sie den Anbieter der gestohlenen Bilder ausfindig
machen können. Sie gab sich als passionierte Polke-Sammlerin aus und traf
sich mit dem Kriminellen in einem Café. Dumm gelaufen - für ihn. Am
Nachbartisch saßen nämlich bereits acht Zivilfahnder beim Kaffee, die ihm
kurze Zeit später die Handschellen anlegten.


Selbst die Polizei braucht eine Kunstdetektivin

Als Kunstdetektivin braucht man aber vor allen Dingen viel Geduld. Ihr Beruf
fordert hauptsächlich Fleißarbeit am Schreibtisch. Auf dem stapeln sich
unbearbeitete Ablagen, Fachzeitschriften und Kunstbände. Rundherum
feuergesicherte Hängeordner mit tausenden geheimer Akten. Kataloge werden
studiert, Akten gewälzt, Berge von Daten gesichtet und abgeglichen. Auf
Auktionen spürt sie den verschollenen Werken hinterher, wenn Kunst verkauft
oder ausgestellt wird, fahndet sie mit scharfem Kennerblick der Ware
hinterher. Auftraggeber sind nicht nur große Versicherungsgesellschaften,
sondern auch Polizeidienststellen oder Privatsammler. 

Das Kölner Büro, wo Ulli Seegers mit ihren drei Mitarbeiterinnen arbeitet,
muss sich zudem immer mehr mit Verlusten aus Galerien und Museen
beschäftigen. Im Juli 2004 raubte ein Dieb aus dem Kölner
Wallraf-Richartz-Museum das aus dem Jahre 1629 stammende Bild
"Winterlandschaft" des Niederländers Esaias van de Velde - kaum größer als
eine Pralinenschachtel, geschätzter Wert 150.000 Euro. Die Kunstdetektivin
war sich sicher, dass es sich bei dem Raub um eine Gelegenheitstat handeln
musste und das Bild bald wieder auftauchen würde: "Schließlich handelte es
sich dabei um eine kaum verkäufliche Rarität." Ihr Verdacht bestätigte sich:
Der Täter ließ über einen Anwalt das Bild der Polizei zukommen.

Solche Kunstdiebe mit schlechtem Gewissen hatten im Februar 2006 die
Möglichkeit, in Köln anonym Reue zu zeigen und ihre viel zu heiß gewordene
"Ware" wieder loszuwerden - in einer "Kunstklappe". Diese von zwei Wiener
Künstlern, Moussa Kone und Erwin Uhrmann, erdachte Einrichtung - in
Anlehnung an die "Babyklappen" in Krankenhäusern - stand, knallgelb
angestrichen, in einem Nebengebäude der Galerie "Kunstraum 21". Nur schade,
dass es sich bei der "Kunstklappe" lediglich um ein Kunstprojekt handelte,
das Kone und Uhrmann bereits in Wien 2004 erfolgreich umgesetzt hatten. 


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