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Thu Jan 24 22:36:20 CET 2008
Wie Bücher von der Welt verschwinden
Von Bernhard Mackowiak
Der Mensch als Freund des Buches kann aber zugleich sein größter Feind
werden. Das ist immer dann der Fall, wenn das dort Niedergeschriebene, wie
oft in der Geschichte geschehen, als politisch untragbar, falsch,
gefährlich, verleumderisch, obszön oder verderblich angesehen wird. Das galt
zuerst für die Werke der Antike, das bibliographische Vermächtnis für das
ihr folgende christliche Abendland.
Es gab dann zwei Wege, sich dieses Problems zu entledigen. Der eine war,
dass man die missliebigen Werke nicht mehr kopierte. Diese so genannte
Umschreibungs-Verrottungsthese war noch bis in die 1980er Jahre weit
verbreitet. Danach hat um 400 nach Christus eine Umschreibung antiker Texte
von Papyrusrollen auf Pergamentcodices stattgefunden.
In der christlich dominierten Zeit oder schon früher hat dann allerdings die
Gesellschaft das Interesse an den heidnischen Rollen verloren, weshalb sie
dann nicht weiter kopiert wurden. So verrotteten sie im Laufe des
Mittelalters in den Bibliotheken, während die haltbareren Pergamentcodices
überdauerten.
Diese Ansicht ist heute als Mythos ausgewiesen, zumal Papyrologen 1983 nach
eingehenden Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen waren, dass der Papyrus
unter normalen Lagerungsbedingungen in seiner Haltbarkeit dem Pergament
nicht nachsteht. So konnte der des Lesens kundige Interessierte um 200 nach
Christus in einer Bibliothek in Rom eine 300 Jahre alte Papyrusrolle lesen.
Viel wahrscheinlicher ist, dass die allgemeine Buchproduktion drastisch
zurückging es lohnte sich also nicht mehr, alle antiken Texte von Papyros
auf Pergament zu übertragen und zu verbreiten , und dass das Pergament
einfach leichter verfügbar und gleichzeitig edler war, weshalb man es als
Dokumentationsmittel vorzog. Vom Jahr 600 an war Papyrus im lateinischen
Europa kaum noch verfügbar. Die Wissenschaftler bezeichnen das
nachfragebedingtes Selektionsverfahren.
Die andere radikale Möglichkeit war, dass man Bücher demonstrativ durch
Feuer zerstören ließ, dem ja seit der Vorzeit eine reinigende,
krankheitsaustreibende Wirkung zugesprochen wurde. Bekannt sind in diesem
Zusammenhang die von den Nazis im Mai und Juni 1933 zu Propagandazwecken
durchgeführten Bücherverbrennungen. Auf das kollektive Gedächtnis der
Menschheit hatte diese Aktion keine Auswirkung, denn diese Werke wurden ja
im Ausland weiterhin veröffentlicht.
Ähnliches gilt auch für die in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments
beschriebene Bücherverbrennung. Sie geschah in Ephesus als Folge des
missionarischen Wirkens des Apostels Paulus, und es waren Bücher über
Zauberei, die freiwillig ins Feuer geworfen wurden. Wie wir heute wissen,
gab es in der Antike eine große Zahl an Bibliotheken. In diesem Zusammenhang
wirkt der Brand der Großen Bibliothek von Alexandria während Cäsars Kämpfe
wie ein Fanal. Immerhin war sie von 235 bis 47 vor Christus von 490 000
Rollen auf 700 000 Rollen angewachsen und umfasste damit das gespeicherte
gesamte Wissen der damaligen antiken Welt. Nach heutigen Erkenntnissen sieht
es jedoch so aus, als sei nicht die große Bibliothek, sondern ein Lagerhaus
am Hafen mit 40 000 Rollen, wahrscheinlich eine Jahresproduktion, in Flammen
aufgegangen.
Die großen Bücherverluste kamen dann in der Spätantike, der Epoche zwischen
circa 300 und 600 nach Christus, als das römische Reich christlich wurde und
die bereits zuvor beschriebenen Folgen eintrafen. Daneben gab es auch die
bewusst radikal durchgeführten Selektionen, die man als
Bücherhinrichtungen bezeichnen könnte. Auch wenn sie nie die Vernichtung
des gesamten Wissens und damit der Identität eines Volkes oder einer Kultur
zur Folge hatten, die psychologische Wirkung auf die Betroffenen war groß.
So ließ Kaiser Diokletian (303 nach Christus) in Konstantinopel die
Schriften der Christen verbrennen.
Im Mittelalter bediente sich die sonst nicht gerade zimperliche Inquisition
der Verbrennung ketzerischer Bücher Autodafé genannt als humane Form der
Vollstreckung ihrer Urteile. In der Neuzeit sahen das französische
Revolutionäre und britische Truppen als extremes Mittel der Politik, als sie
Teile der Bibliothèque Nationale und (1814) die Library of Congress in den
USA niederbrannten.
Während bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch unter dem Geläut der
Kirchenglocken der Scharfrichter das Urteil vollstreckte, indem er das Buch
auf den Scheiterhaufen warf, geht man heute gewöhnlich leiser vor wegen
der Ereignisse von 1933 und versucht meist auch nicht, die Aufmerksamkeit
der Medien auf sich zu ziehen. Dem Zug der Zeit angepasst, werden heute
neben Büchern auch andere missliebige Publikationen verbrannt: Tonbänder,
Schallplatten, CDs oder Videobänder.
Übrigens, die wahrscheinlich erste Bücherverbrennung in unserem Jahrhundert
fand in Pittsburgh statt. Unter ihrem Pastor George Bender hielten
Mitglieder der amerikanischen christlichen Harvest-Assembly-of-God-Kirche
im März 2001 einen Book-Burning-Gottesdienst ab. Ihr Opfer war J. K.
Rowlings Harry Potter mit der Begründung, der neue Held unzähliger Leser
verherrliche Zauberei und Hexentum.
http://www.rhein-main.net/
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