[MSN] {Spam?} Der Buehrle-Raub - auch ein Lehrstueck ueber den Kunstbetrieb
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Sun Feb 17 07:15:58 CET 2008
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Der Bührle-Raub auch ein Lehrstück über den Kunstbetrieb
Eine Woche nach dem Raubüberfall auf die Sammlung Bührle in Zürich und
anderthalb Wochen nach dem Bilderdiebstahl im Seedamm-Center in Pfäffikon
sind die drängendsten Fragen noch immer offen: wer die Täter sind, welche
Motive sie hatten und wo sich die ...
Eine Woche nach dem Raubüberfall auf die Sammlung Bührle in Zürich und
anderthalb Wochen nach dem Bilderdiebstahl im Seedamm-Center in Pfäffikon
sind die drängendsten Fragen noch immer offen: wer die Täter sind, welche
Motive sie hatten und wo sich die geraubten Kunstwerke befinden. Die beiden
Taten werfen aber auch grundsätzliche Fragen auf: Wie sicher sind Kunstwerke
in Museen? Wie und wo soll Kunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
werden? Sind private Sammlermuseen Auslaufmodelle? Sollen ihre Bestände in
die öffentlichen Museen eingebracht werden? Und worin liegt die Bedeutung
von Originalwerken? Sind Ausstellungen mit guten Kopien eine sinnvolle
Alternative zum traditionellen Museumsbetrieb, zumal höhere
Sicherheitsanforderungen und steigende Versicherungsprämien selbst grosse
Institutionen belasten und potenzielle Leihgeber zurückhaltender werden mit
Zusagen?
Der Wert eines Kunstwerks
Wie in einem Brennspiegel bündeln sich in der Diskussion um die beiden
Ereignisse zentrale Fragen des Kunstbetriebs. Der Bührle-Raub, der grösste
Kunstraub in der Geschichte der Schweiz, ist in diesem Sinn auch ein
Lehrstück etwa darüber, wie paradox die öffentliche Wahrnehmung grosser
Kunstwerke verläuft: Cézannes «Knabe mit der roten Weste», das wichtigste
der vier geraubten Werke, hängt seit Jahrzehnten in der Sammlung Bührle.
Aber noch nie war es so gegenwärtig und wurde so geschätzt wie jetzt, wo es
geraubt und damit der Öffentlichkeit entzogen ist.
Bezeichnend ist auch, dass der Wert des Bildes gerade in dem
Augenblick zum Thema wird, wo sich zeigt, wie schwer der Wert von
Kunstwerken dieses Rangs zu fassen ist. Ihr Versicherungswert deckt sich nie
mit ihrem ideellen Wert, wie hoch jener auch veranschlagt ist. Selbst für
Dutzende von Millionen lässt sich der «Knabe mit der roten Weste» nicht
einfach ersetzen. Anderseits dürfte das Bild für die Räuber nahezu wertlos
sein, weil es sich kaum zu Geld machen lässt.
Absolute Sicherheit?
Ob die beiden Raubtaten mit schärferen Sicherheitsmassnahmen hätten
verhindert werden können, sei dahingestellt; ebenso wie die Frage, ob die
Bührle-Sammlung noch vollständig wäre, wenn sie nicht in einer Villa an der
Zollikerstrasse, sondern im Kunsthaus Zürich untergebracht wäre. Denn solche
Fragen zielen am Kern des Problems vorbei. Absolute Sicherheit gibt es in
Museen ebenso wenig wie in anderen Bereichen. Den Brandanschlag, der vor
rund zwanzig Jahren auf ein Rubens-Gemälde verübt wurde, konnten auch die
strengen Sicherheitsmassnahmen im Zürcher Kunsthaus nicht verhindern.
Die Schwierigkeit liegt tiefer. Am sichersten sind Museen, wenn sie
geschlossen sind. Jede Öffnung schafft notwendigerweise Sicherheitslücken.
Aber erst, dass sie öffentliche Orte sind, macht Museen zu Museen. Und
Bilder oder Plastiken werden im eigentlichen Sinn auch erst in dem
Augenblick zu Kunstwerken, in dem Betrachter sie als Kunstwerke wahrnehmen.
In Safes gelagert, sind sie lebloses Material, Akteure ohne Publikum.
Das Bestreben, Kunst einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich
zu machen, steht in einem gewissen Widerspruch zur Verpflichtung, sie so gut
als möglich vor Diebstahl und Vandalenakten zu schützen. Doch auch der
Vorschlag, in Museen nicht mehr Originale, sondern gute Replikate
auszustellen, löst das Dilemma nicht. Bei aller berechtigten Entrüstung über
den Bührle-Raub muss man festhalten, dass solche Vorfälle selten sind. Der
letzte vergleichbare Fall, der Raub von Edvard Munchs «Schrei» in Oslo,
liegt mehrere Jahre zurück. Seither wurden Europas Museen jährlich von
Millionen von Menschen besucht.
Wer aus Sicherheitsgründen dafür plädiert, Kopien auszustellen,
verkennt ausserdem das Wesen des Museums. Natürlich kann ein ungeschultes
Auge eine gute Replik des «Knaben mit der roten Weste» nicht ohne weiteres
vom Original unterscheiden. Doch das Wissen darum, dass es sich um das vom
Künstler selber geschaffene Werk handelt, macht die Begegnung mit einem
Originalwerk zu einem besonderen Akt. Heute, wo der gesamte Bilderschatz der
Kunstgeschichte gedruckt oder in elektronischer Form jederzeit verfügbar und
beliebig reproduzierbar ist, ist es genau dies, was die Arbeit der Museen
auszeichnet: dass sie der den Alltag beherrschenden Flut des dutzendfach
Kopierbaren das Original in seiner Einmaligkeit gegenüberstellen.
Marketing Auch für Ikonen
Dieser Aufgabe widmen sich in der Region Zürich zahlreiche
international renommierte Museen und Kunstsammlungen öffentliche
Institutionen und private, die auf Sammler wie Oskar Reinhart, Hedy und
Arthur Hahnloser, Emil Bührle oder Sidney und Jenny Brown zurückgehen. Und
da könnten die jüngsten Kunstraub-Fälle wenigstens einen positiven Effekt
haben. Sie lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie hochrangig die öffentlich
zugänglichen Schweizer Kunstsammlungen sind.
Dass dies der Öffentlichkeit erst im Zusammenhang mit einem Verbrechen
bewusst wird, zeigt eines klar: Im auf Glamour und Rekorde getrimmten
Kunstbetrieb finden selbst im kollektiven Bilderschatz verankerte Ikonen wie
van Goghs «Sämann» oder Renoirs «Irène» aus der Sammlung Bührle ihr Publikum
nur mit entsprechendem Marketing. Dass ein Museum vom Rang der Sammlung
Bührle nur von wenigen Kunstkennern besucht wird, obwohl es Werke enthält,
die zu den bekanntesten der Kunstgeschichte gehören, ist schade. Der Umzug
in den geplanten Erweiterungsbau des Kunsthauses schafft die Voraussetzung,
dass die Sammlung ihrer Bedeutung entsprechend wahrgenommen werden kann.
Zeugen der Sammlerkultur
Doch was für die Bührle-Sammlung sinnvoll ist, ist kein generelles
Rezept für Sammlermuseen. Die nach dem Bührle-Raub erhobene Forderung, die
Bestände kleiner Sammlungen in öffentliche Museen zu integrieren, zielt an
der Sache vorbei. Orte wie die Villa Flora in Winterthur oder die Badener
Stiftung Langmatt bieten als «Gesamtkunstwerke» Gelegenheit, Kunst in
intimem Rahmen zu sehen. Anders als die Sammlung Bührle sind sie in den
früheren Wohnhäusern ihrer Sammler eingerichtet. Doch ihre Bedeutung reicht
weiter. Sie halten die bürgerliche Kultur gegenwärtig, der sich alle
Kunstsammlungen der Schweiz verdanken auch die der öffentlichen
Institutionen.
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/der_buehrle-raub__a
uch_ein_lehrstueck_ueber_den_kunstbetrieb_1.671931.html
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