[MSN] Kunst als Waehrung im kriminellen Milieu?

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Sat Feb 16 06:19:27 CET 2008


TRIBÜNE Kunst als «Währung» im kriminellen Milieu?

von Ulli Seegers

Im Abstand von nur vier Tagen ist die Schweiz gleich zweimal von
Kunsträubern heimgesucht worden: zunächst der Diebstahl von zwei
Picasso-Gemälden aus dem Seedamm-Kulturzentrum in Pfäffikon, dann der
brutale Raubüberfall auf die Sammlung Bührle in Zürich. Markieren diese
beiden Fälle den Beginn einer Serie beziehungsweise einer neuen Dimension in
der Kunstkriminalität?

Während wir immer noch entsetzt sind über die ungeahnte Aggressivität der
Täter, wurde bereits über den Zusammenhang der beiden Taten spekuliert und
wurden allerlei Vermutungen angestellt über weisse Fluchtfahrzeuge und
slawische Akzente. Zum jetzigen Zeitpunkt jedoch wissen wir nur, dass die
Täter in Pfäffikon die Dunkelheit der Nacht für den Diebstahl nutzten. Die
Gangster in Zürich hingegen gingen zur normalen Öffnungszeit am
Sonntagnachmittag mit grosser Brutalität und Waffengewalt vor und brachten
die vier impressionistischen Meisterwerke durch die Bedrohung von
Museumsbesuchern und -angestellten in ihren Besitz.

Sechs «Ikonen» der Kunstgeschichte sind damit in kurzer Zeit der Willkür
kulturloser Diebe zum Opfer gefallen – auf Nimmerwiedersehen? Welche Motive
mögen hinter diesen Coups stecken?

Häufig kommt an dieser Stelle die Rede auf den anonymen Kunstsammler, der
einen Auftragsdiebstahl für die eigene Sammlung veranlasst habe. In
Anbetracht der Tatsache, dass die gestohlenen Werke aufgrund ihrer
Bekanntheit und der Registrierung im Art Loss Register weltweit nicht mehr
handelbar sind, klingt dies zunächst wie eine plausible Erklärung.
Tatsächlich jedoch haben wir im Art Loss Register mit einem solch
kriminellen Kunstsammler bislang noch nie zu tun gehabt, weshalb wir seine
Existenz bezweifeln müssen. Die Idee des kunstbesessenen «stillen
Geniessers», der die wichtigsten Werke der Kunstgeschichte heimlich in
seinen Privatgemächern goutiert, entspringt eher dem Hollywood-Kino à la
«Thomas Crown Affair» als der Wirklichkeit. Während sich der sagenumwobene
Dr. No in der Welt des Geheimagenten James Bond mit gestohlener Kunst
umgeben mag, haben wir es in der Realität zumeist mit ganz uncharmanten,
knallharten Interessen zu tun – und diese richten sich immer auf einen
finanziellen Gegenwert.

Was also mögen die Täter im Schilde führen? Wir gehen davon aus, dass sie
den Versuch einer Lösegelderpressung («Art Napping») unternehmen könnten,
wobei gerade die hohe Bekanntheit der Werke der Forderung erst einen
besonderen Nachdruck verleihen würde. Es gibt einen Parallelfall: Ebenfalls
an einem Sonntag und ebenfalls unter Einsatz von Schusswaffen überfielen
Kunsträuber im August 2004 das Munch-Museum in Oslo, um den weltberühmten
«Schrei» sowie die «Madonna» zu stehlen. Wenngleich es damals zu keiner
Lösegeldforderung kam, so wurde die Kunst dennoch zum Gegenstand
erpresserischen Kalküls. Einer der Verbrecher nutzte die beiden Gemälde
kurzerhand als Unterpfand und erhoffte sich im Falle seiner Festnahme nach
einem Banküberfall mildernde Umstände. Der Täter im Munch-Fall konnte
überführt und festgesetzt werden, und die beiden Bilder befinden sich längst
wieder am angestammten Ort. Dieses glückliche Ende lässt uns auch in den
aktuellen Fällen hoffen.

Oder sollten die nun gestohlenen Kunstwerke etwa als «Währung» in anderen
kriminellen Milieus eingesetzt werden? In der Tat wissen wir um die
Verbindung von Kunsträubern zu Drogenhandel und Waffenschmuggel. Hier wie
dort handelt es sich um Formen der organisierten Kriminalität mit oft
mafiösen Strukturen. Die hohe «Professionalität» der Täter und ihr
systematisch geplantes Vorgehen liessen auch daran denken.

Noch kennen wir ihre genauen Motive nicht, so dass wir uns – neben der
Ermittlungsarbeit der Polizei – in Geduld üben müssen, was in Anbetracht der
hohen ideellen und materiellen Werte äusserst schwer fällt. Eines aber ist
sicher: Sollten die Werke im internationalen Handel auftauchen, zählt das
Art Loss Register (ALR) als grösste private Datenbank zur Aufklärung von
Kunstdiebstahl mit sechs Büros weltweit sicher zu den ersten Stellen, die
Kenntnis davon erlangen.

Eine Tatsache allerdings ist es auch, dass sich ein Museum kaum
hundertprozentig gegen Kunstdiebstahl schützen kann. Die Aufgabe eines
Museums ist es doch gerade, der Öffentlichkeit Kunstgegenstände zugänglich
und rezipierbar zu machen. Die meisten Museumsdirektoren haben heute ein
Problembewusstsein für adäquate Sicherungstechniken entwickelt und
investieren längst auch entsprechend einen gewissen Betrag aus dem häufig
schmalen Budget. Gegen den Einsatz von Waffen jedoch wird man sich auch in
Zukunft nicht schützen können, will man das Museum nicht in einen
Hochsicherheitstrakt verwandeln, was die Idee des Museums geradezu
konterkariert.

Manchmal reichen allerdings schon wenige Veränderungen in der Lage und
Infrastruktur eines Museums: Videokameras, an der Wand fest verschraubte
Bilderrahmen, geschultes Wachpersonal, die Vermeidung einer direkten Zufahrt
zu und von Parkplätzen direkt vor dem Museum, die Vermeidung von Randlagen.
Mit geringem Aufwand liesse sich häufig die «Attraktivität» vieler Museen
für Kunstdiebe reduzieren – und liessen sich in der Konsequenz vielleicht
auch die in den letzten zehn Jahren dramatisch zugenommenen Einbrüche in
öffentliche Sammlungen stoppen.

http://www.tagblatt.ch/



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