[MSN] Book review: Wem hat van Gogh sein Ohr geschenkt?
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Wed Feb 6 14:00:14 CET 2008
Wem hat van Gogh sein Ohr geschenkt?
Ein Kunstlexikon der anderen Art
Mit einem gewöhnlichen Kunstlexikon ist das aktuelle Werk der beiden Autoren
Nora und Stefan Koldehoff nicht zu vergleichen. Das Buch will uns vielmehr
die weniger bekannten Abgründe und Absurditäten der Kunstwelt näher bringen.
Während sich andere Kunsthistoriker auf bestimmte Epochen oder Stile
spezialisieren, widmet sich das Autorenpaar profaneren Problemen wie etwa
der Frage nach dem geeigneten Fluchtwagen für einen Kunstdiebstahl:
Wer ein wertvolles Bild stiehlt, muss sofort einige Probleme lösen. Dazu
zählt nicht nur die Frage: Wer kauft mir die Beute überhaupt ab, sondern
erst einmal: Wie komme ich mit dem guten Stück überhaupt weg von hier? Die
meisten Diebe wollen sich in diesem Punkt nicht mit Stilfragen aufhalten.
Natürlich wäre es eleganter, den Vermeer mit einem Rolls Royce
abzutransportieren, hätte es mehr Charme, in einer "Ente" samt Renoir auf
der Autobahn gen Süden zu verschwinden. Die meisten Diebe lieben es aber
offenbar praktisch und greifen deswegen gerne zu Autos aus der
Volkswagen-Gruppe: Wenn es schnell gehen soll, wird ein großer Audi
genommen, geht es eher um Unauffälligkeit, kommen Golf oder Passat zum
Einsatz.
Tipps für den Smalltalk
Auch sonst hält das ungewöhnliche Lexikon einige interessante Details
bereit: Die Stile Expressionismus, Naturalismus und Surrealismus dürften
hinlänglich bekannt sein. Um beim nächsten Smalltalk mit Kunstexperten zu
beeindrucken, wird die Lektüre des Kapitels "Ismen in einem Satz" empfohlen,
das auch seltenere künstlerische Spielarten kurz präsentiert. So erfährt
man, dass der Intimismus eine Spielart des späten Impressionismus ist, "die
sich auf die Darstellung von Interieurs und Familienszenen konzentriert",
oder etwa, dass die Anhänger des Synchromismus der Auffassung sind, dass die
Farbe allein genügt, um ein Kunstwerk zu schaffen.
Fatale Reinlichkeit
Ein großer Teil des Buches ist der dunklen Seite des Kunstbetriebs gewidmet:
Zerstörung und Diebstahl, Wucher und Betrug. Verpackt in kleine, leicht
verdauliche Häppchen erfährt man so etwa einiges über die Gefährlichkeit von
Kaugummi für Gemälde, dumm gelaufene Kunsttransporte oder verhängnisvolle
Irrtümer wie den folgenden:
Eigentlich tat Emmanuel Asare nur seinen Job, als er am 17. Oktober 2001 die
Eyestorm Gallery im Londoner Westend betrat. Am Abend zuvor war hier die
neue Ausstellung des Brit-Pop-Stars Damien Hirst, "Painting by numbers",
eröffnet worden und entsprechend sah es auch aus: Überall standen und lagen
volle Aschenbecher, halbleere Kaffeetassen, leere Bierflaschen,
farbverschmierte Zeitungen und Magazine, Bonbonpapiere und Coladosen. Also
krempelte der Angestellte einer Reinigungsfirma die Ärmel hoch und tat,
wofür er bezahlt wurde: Er stopfte alles, was er fand, in Müllsäcke und
versenkte sie im Abfallcontainer.
Unschwer zu erraten, dass die wiederhergestellte Ordnung bei den Galeristen
nicht auf Gegenliebe stieß, handelte es sich doch bei dem vermeintlichen
"Müll" um eine spontane Installation Damien Hirsts. Der Künstler selbst
reagierte auf die ungewollte Demontage seines Werks jedoch amüsiert:
"Fantastisch. Sehr lustig", ist sein überlieferter Kommentar.
Meister der Fälschung
Neben beabsichtigtem und unbeabsichtigtem Vandalismus sind auch
Kunstfälschungen ein Thema, dem viel Raum gegeben wird. Die Autoren begeben
sich auf die Spur von Meisterfälschern wie etwa Konrad Kujau, dem Fälscher
der Hitler-Tagebücher. Im Gegensatz zum reinen Kopieren von Kunstwerken geht
die Kunstfälschung immer mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen einher.
Zur besonderen Meisterschaft in dieser Disziplin hat es der Brite John Myatt
gebracht. Er fälschte zwischen 1985 und 1995 Werke im Stil von Chagall,
Giacometti und Matisse.
Sein Komplize, John Drew, legte sich eigens einen falschen Doktortitel zu,
um Zutritt zu den Archiven angesehener britischer Museen zu bekommen. Dort
schmuggelte er gefälschte Dokumente in die Registraturen, die belegen
sollten, dass sich Myatts Produkte - als Originale - leihweise in der Tate
Gallery, dem Victoria & Albert Museum oder dem Institute of Contemporary Art
befunden hätten. Als er die gefälschten Bilder dann bei Auktionshäusern und
Galeristen in London zum Kauf anbot, konnte er deren Anfragen bei den Museen
ganz gelassen abwarten. Tatsächlich kam bald die Bestätigung, das Bild sei
schon einmal ausgestellt gewesen, müsse also zweifelsohne echt sein.
Nische im Literaturbetrieb
"Aktenzeichen Kunst. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der Welt" und "Van
Gogh. Mythos und Wirklichkeit" heißen die beiden Vorgängerwerke des
Autorenpaares Nora und Stefan Koldehoff. Die Autorin und der frühere
stellvertretende Chefredakteur des Kunstmagazins "art" scheinen ihre Nische
im Literaturbetrieb gefunden zu haben - Mythen, Anekdoten und Verbrechen des
Kunstbetriebs zu sammeln, sorgfältig zu recherchieren und in eingängiger
unterhaltsamer Form an die Leserschaft zu bringen.
Die Absurditäten der Kunstwelt
So ist auch das aktuelle Buch "Wem hat van Gogh sein Ohr geschenkt?" vor
allem für jene geeignet, die einen unterhaltsamen, aber keineswegs
oberflächlichen Einblick in die Absurditäten der Kunstwelt suchen, wie die
Geschichte des Titel gebenden Ohres zeigt:
Die Nachricht, die eine französische Journalistin im Sommer 2002 vermeldete,
klang sofort nach Sensation. Auf dem Speicher eines Hauses im
südfranzösischen Arles, so hieß es, sei in einem Einmachglas das Ohr
gefunden worden, das sich Vincent van Gogh im Dezember 1888 mit einem
Rasiermesser abgeschnitten habe. Eine Mitarbeiterin des Auktionshauses
Sotheby's habe das Ohr zufällig gefunden, als sie Kunstgegenstände in einem
alten Bauernhof begutachtete. Der Vater des jetzigen Besitzers, ein Bauer
namens Ambroise L'Aube, habe in seinem Tagebuch beschrieben, wie er das noch
blutige Körperteil eines Tages auf einem Feld neben einem halb aufgegessenen
Baguette und einer leeren Flasche Absinth gefunden habe.
Original oder Fälschung? Auf jeden Fall eine amüsante Geschichte. Bleibt
jedoch hinzuzufügen, dass die Frage "Wem hat Van Gogh sein Ohr geschenkt?"
mehr als eine Antwort hat.
Text: Eva Jankl
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Nora und Stefan Koldehoff, "Wem hat van Gogh sein Ohr geschenkt? Alles, was
Sie über Kunst nicht wissen", Verlag Eichborn
http://oe1.orf.at/
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