[MSN] Der Geruch von Verbranntem über Olympia. Gedrückte Stimmung nach den Waldbränden am Ursprungsort der Olympischen Spiele.

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Fri Sep 14 12:45:27 CEST 2007


Der Geruch von Verbranntem über Olympia
Gedrückte Stimmung nach den Waldbränden am Ursprungsort der Olympischen
Spiele

Die Waldbrände, die in der zweiten Augusthälfte in Griechenland gewütet
hatten, haben auch in Olympia, der Geburtsstätte der Olympischen Spiele,
verkohltes Land hinterlassen. Die Stimmung im Städtchen ist gedrückt, die
Zerstörung der Natur hat viele erschüttert. ...

 
Die Waldbrände, die in der zweiten Augusthälfte in Griechenland gewütet
hatten, haben auch in Olympia, der Geburtsstätte der Olympischen Spiele,
verkohltes Land hinterlassen. Die Stimmung im Städtchen ist gedrückt, die
Zerstörung der Natur hat viele erschüttert. 

it. Olympia, Anfang September

«Heilige Landschaft. Anmut, ruhige innere Sammlung, lachendes Tal zwischen
niedrigen, friedlichen Bergen. Keine erhabenere Landschaft ist in
Griechenland, die so süss und beharrlich zu Frieden und Versöhnung stimmt.»
So umschrieb der griechische Schriftsteller Nikos Kazatzakis Mitte des
letzten Jahrhunderts Olympia, die Geburtsstätte der Olympischen Spiele. Wenn
man sich heute Olympia vom Städtchen Adritsaina her nähert, sucht das Auge
umsonst die erhabene Landschaft. Die verheerenden Waldbrände in der zweiten
Augusthälfte haben auch im Tal des Flusses Alpheios, wo das Städtchen und
das Heiligtum der Olympischen Spiele liegen, verkohltes Land hinterlassen. 

 
«Teuflische Flammen»
Die Brandstellen sind zuerst nur fleckenartig. Dann werden sie immer breiter
und verwandeln sich zuletzt zu kilometerlangen schwarzen Berghängen, auf
denen die einstigen Olivenbäume und die Zypressen nur noch als schwarze
Stümpfe und wie Mahnmale für die menschliche Zerstörungswut stehen. Dass die
verkohlte Erde auch zehn Tage nach dem zerstörerischen Brand an
verschiedenen Stellen noch raucht, wirkt unheimlich. Noch unheimlicher ist
aber der Geruch von Verbranntem, der nach dem ersten Herbstregen überall
besonders intensiv klebt, ob draussen auf den Strassen oder drinnen in den
verschlossenen Hotelräumen. 

Die Flammen hätten das olympische Tal am 26. August erreicht und sich wie
wild in alle Himmelsrichtungen in den Wald hineingefressen, sagt die
Rezeptionistin des Hotels «Amalia» am Rande Olympias. Zwei Tage lang wütete
das Feuer hier. Es wurde von den Einheimischen «teuflisch» genannt, weil es
selbst auf verbrannter Erde wieder aufgeflammt sei. Kein einziges Dorf in
der Umgebung sei verschont geblieben, erklärt die Rezeptionistin entsetzt.
Das Hotel habe nur deshalb gerettet werden können, weil im letzten Moment
der Wind seine Richtung geändert habe. Die Touristen seien schon lange zuvor
evakuiert worden. Anstelle der Familien seien Journalisten,
Feuerwehrexperten, Ärzte und Psychologen eingezogen. Der psychische Zustand
der Brandopfer, vor allem der Frauen, sei besonders labil. 

Geld für den Wiederaufbau
Mittlerweile kehren die Touristen wieder zurück. Sie besuchen das Heiligtum
und wollen auch sehen, was die Brände angerichtet haben. Das Heiligtum
befindet sich in einem Tal, in dem die Flüsse Alpheios und Kladeos
zusammentreffen, und war Zeus, dem Vater der Götter geweiht. Dort fanden
während mehr als eines Jahrtausends (zwischen dem 10. Jahrhundert vor
Christus und der frühchristlichen Zeit) alle vier Jahre die Olympischen
Spiele statt. Die Landschaft im Tal der zwei Flüsse bezeichnete auch Lysias,
der grosse Rhetoriker der Antike, vor 2500 Jahren als «den schönsten Ort
Griechenlands». Die Flammen Ende August haben das Museum verschont. Auch die
Bäume des Heiligtums konnten gerettet werden. 

Der früher mit Kiefern bewachsene Kronos-Hügel ist aber abgebrannt. Auf
diesem Hügel hatte nach einem Mythos die Göttin Rhea den kleinen Zeus den
Kureten übergeben, um ihn vor ihrem Ehemann Kronos, der all seine Kinder
verschlang, zu schützen. Später soll Herakles den wilden Ölbaum aus dem
fernen Land der Hyperboreer nach Olympia gebracht und im Tal zwischen
Alpheios und Kladeos gepflanzt haben. Die Kiefern und die Olivenbäume
entlang des Flusses Kladeos sind aber verbrannt. Zum ersten Mal kann man an
seinen Ufern kein Vogelgezwitscher und kein Bienensummen mehr hören. Die
Stille wirkt irgendwie tot. 

Athen will das Feuerinferno am liebsten vergessen und konzentriert seine
Bemühungen auf den Wiederaufbau. Die Regierung Karamanlis hat den Opfern
über 300 Millionen Euro als Soforthilfe bereitgestellt. Mit einer einfachen
eidesstattlichen Erklärung konnte jeder Betroffene je 3000 Euro in Empfang
nehmen – wovon angeblich vor allem auch die Roma, die laut Presseberichten
aus dem ganzen Land in die Region geströmt seien, Gebrauch gemacht hätten.
Um die Wunden der Brände zu heilen, erhält Griechenland finanzielle
Unterstützung auch aus Brüssel. Die EU hat einer Soforthilfe von 200
Millionen Euro aus dem europäischen Solidaritätsfonds zugestimmt, weitere
400 Millionen sollen folgen. Gleichzeitig kam es in der Bevölkerung zu einer
Welle der Solidarität mit den Betroffenen. Schliesslich soll der Rat der
Auslandgriechen laut Presseberichten gar mehr als eine Milliarde Euro
gesammelt haben. 

Der Peloponnes ist dennoch ein verwundetes Land. Der WWF spricht von einer
«nationalen Katastrophe von unermesslicher menschlicher, ökologischer und
kultureller Dimension». Mindestens 200 Jahre wird es laut dem
Naturwissenschafter Achilleas Gerassimidis dauern, bis sich die Wälder etwa
auf dem Taygettos-Gebirge völlig erholt haben. Es besteht die Gefahr, dass
sich die sogenannte griechische Tanne überhaupt nicht mehr regeneriert. Die
Stimmung im Städtchen Olympia ist gedrückt. Als Zeichen der Trauer und des
Protestes haben die Bewohner nach der Katastrophe schwarze Flaggen an ihren
Häusern aufgehängt. 

Versagen der Behörden
Die weitgehende Zerstörung der Natur hat auch die Kulturschaffenden
erschüttert. Von einem «Tag der Trauer und der Schande» spricht der
Komponist Ilias Andriopoulos. Von Schande, weil die mit dem Schutz des
olympischen Heiligtums beauftragten Hüter völlig versagt hätten. Die
«olympische Landschaft mit ihren weichen, mit Kiefern bewachsenen Hügeln,
mit ihren Platanen und Lorbeerbäumen ist seit Jahrtausenden das Spiegelbild
einer Natur, die dem Mass des Menschen und der Harmonie entsprach», sagt er
im Gespräch. Mit ihrer Vernichtung gehe ein einmaliger Ort, wo das Heutige
und das Vergangene koexistiert hätten, verloren. Die Griechen hätten in den
letzten drei Jahrzehnten eine Eile entwickelt, neue Sachen zu entdecken,
ohne die alten zu respektieren, sagt er verbittert. 

Von Versagen spricht auch der frühere Bürgermeister von Olympia, Jiorgos
Wewes. Versagt habe der Staat, weil er über keinen Plan zum Schutz von
Olympia verfügt habe. Versagt hätten auch die lokalen Behörden, die keine
vorbeugenden Massnahmen getroffen und bis zuletzt die klar sichtbare
Bedrohung einfach negiert hätten. Olympia sei schon zweimal von Bränden
bedroht worden, erläutert er. Im Jahr 1974 liess der damalige Regierungschef
und Onkel des heutigen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis die
Feuerwehr wissen, «auch wenn ganz Griechenland verbrannt werden sollte –
Olympia muss um jeden Preis gerettet werden». 

Naturschutz hat Priorität
Als 1987 erneut Flammen Olympia bedrohten, erklärte der damalige
Regierungschef Andreas Papandreou, er wolle nicht Ministerpräsident dieses
Landes sein, wenn es Olympia nicht mehr gebe. Diesmal sei nach der
Katastrophe der Kulturminister Jiorgos Voulgarakis nach Olympia gekommen und
habe festgestellt, dass lediglich einige Bäume verbrannt seien. 

Für Jiorgos Wewes ist nun der Naturschutz von primärer Bedeutung.
Überschwemmungen und Erdrutsche gefährdeten Olympia, sagt er mahnend. Der
Fluss Alpheios, einst der Segen Olympias, könnte bei den nächsten
Regenfällen zu einem Fluch werden. 

http://www.nzz.ch/



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