[MSN] Die Nacht, in der die Wiege der deutschen Klassik in Flammen aufgeht. Vor zwei Jahren vernichtete ein Feuer große Bestände der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Am 24. Oktober wird sie wiedereröffnet.

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Mon Oct 15 11:48:08 CEST 2007


Die Nacht, in der die Wiege der deutschen Klassik in Flammen aufgeht
Vor zwei Jahren vernichtete ein Feuer große Bestände der Herzogin Anna
Amalia Bibliothek in Weimar. Am 24. Oktober wird sie wiedereröffnet. Die
Morgenpost rekonstruiert die dramatischen Stunden des 2. und 3. September
2004
Von Anne Klesse
 
 Der Rokokosaal im ersten und zweiten Stockwerk der Herzogin Anna Amalia
Bibliothek: Wie er vor der Brandnacht aussah 

Foto: picture-alliance:
http://www.morgenpost.de/content/2007/10/15/politik/926530.html 
 
 Durch den Brand in der Nacht vom 2. auf den 3. September (Bild), bei dem
mehr als 100 000 Bücher zerstört oder beschädigt wurden, wurde das
Prunkstück des Hauses stark zerstört 

Foto: picture-alliance:
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 So sieht der Saal heute aus. Eröffnet wird die Bibliothek am 24. Oktober 

Foto: AP: http://www.morgenpost.de/content/2007/10/15/politik/926530.html 

Der Tag ist so friedlich. Ein Donnerstag mit Sonnenschein und wenigen weißen
Wölkchen am Himmel über Weimar, an dem Michael Knoche natürlich mit dem
Fahrrad zur Arbeit fährt. Diese wenigen Minuten allein im Fahrtwind - für
den 53-jährigen Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ein
kostbarer Moment der Ruhe vor einem Arbeitstag, der ein besonderer werden
sollte. Er will es sich nicht zugestehen, aber die Sanierung des
historischen Bibliotheksgebäudes und der dafür nötige, bevorstehende Umzug
von einer Million Büchern in das neue Tiefenmagazin machen ihn nervös. Wie
gut, wenn das alles hinter uns liegt, denkt er. Aber auch, fast
gleichzeitig: Trotz des Stresses habe ich den schönsten Arbeitsplatz der
Welt. 

Gegen halb acht Uhr morgens klemmt Michael Knoche seine braune Ledertasche
auf den Gepäckträger und fährt, in Anzug aber ohne Krawatte, wie meistens,
am Historischen Friedhof vorbei durch die Stadt in Richtung Nordost. So
kennt man ihn in Weimar: Als den stillen Bibliothekar mit der hohen Stirn,
dem kurzen weißen Haar und der runden Hornbrille. Seit 1991 ist er Direktor
der Bibliothek.

Immer wieder staunt Michael Knoche über den wunderschönen Anblick, der sich
ihm bietet, wenn er in die Ackerwand, eine kopfsteingepflasterte Straße
hinter Goethes Hausgarten, einbiegt und am Ende links auf den Platz der
Demokratie fährt. Rechts vor ihm das Grüne Schloss, ein weißes Palais aus
dem 16. Jahrhundert und seit der Regentschaft Anna Amalias, Herzogin von
Sachsen-Weimar-Eisenach, Herberge der höfischen Büchersammlung. Diese schöne
alte Bibliothek, deren leicht moderiger Geruch Knoche jeden Morgen so
vertraut in die Nase steigt. In der so viel Geschichte steckt: Der Architekt
und Oberbaudirektor des Großherzogtums, Clemens Wenzeslaus Coudray, hatte
das Gebäude in den 1820er Jahren erweitert, Johann Wolfgang von Goethe
leitete die Bibliothek bis zu seinem Tod 1832. Und dann, auf der Rückseite,
der von der spätsommerlichen Morgensonne in goldenes Licht getauchte Park an
der Ilm. Der Anblick lässt Michael Knoche langsamer radeln. Wie harmonisch
doch Stadt und Natur an diesem Ort miteinander verbunden sind, denkt er. 

An diesem Morgen muss der Bibliotheksdirektor gleich weiter zum
Stadtschloss, denn dort treffen sich jeden Donnerstag der Präsident der
Klassik Stiftung Weimar, Hellmut Seemann, und die Direktoren aller in der
Stiftung zusammengeschlossenen Kultureinrichtungen Weimars. Dieses Mal wird
über ein gerade veröffentlichtes Gutachten des Wissenschaftsrates
diskutiert. Seemann sagt, die Stiftung müsse sich stärker ihren
Schwerpunkten, der Weimarer Klassik und der Moderne widmen. Die Sitzung
dauert den ganzen Vormittag.

Das Mittagessen fällt für Michael Knoche aus. Denn gleich anschließend
trifft er sich mit den Architekten des neuen Studienzentrums der Bibliothek,
nachmittags hat er weitere Termine mit Bibliotheksmitarbeitern. Am Ende des
Tages bleibt keine Zeit, die aktuelle Post durchzusehen. Also steckt er sie
in seine Aktentasche. Er will sie später durchgehen, vor dem Zubettgehen.

Auch der Terminkalender von Hellmut Seemann ist an diesem Tag voll. Der
50-Jährige freut sich auf den frühen Abend. Um 17 Uhr ist er auf Schloss
Ettersburg auf dem Ettersberg, nördlich von Weimar, mit befreundeten
Wissenschaftlern verabredet. Alle drei Monate treffen sie sich hier, um
gemeinsam Texte zu lesen. An diesem Abend geht es um Immanuel Kants "Über
ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen". 

Als auf dem Schloss die Debatte über Wahrheit und Wahrhaftigkeit beginnt,
sitzt Michael Knoche Zuhause über seiner Post. Das Telefon klingelt. Es ist
20.29 Uhr. Ein Mitarbeiter der Bibliothek ist dran, sonst ein gelassener
Mensch, aber jetzt klingt er aufgeregt: "Die Bibliothek brennt. Ich weiß
nicht, ob Sie kommen wollen." Wenige Tage zuvor gab es einen Fehlalarm,
vielleicht deshalb dieser absurde zweite Satz. Doch daran denkt Michael
Knoche nicht. Er ist plötzlich hellwach, wirft sich seine dunkelblaue
Freizeitjacke über und läuft zum Fahrrad. 

Während der Bibliotheksdirektor zum zweiten Mal an diesem Tag die Ackerwand
in Richtung Nordost fährt, so schnell wie selten zuvor, und ohne den
Schönheiten der Stadt Beachtung zu schenken, betrachtet Majdi Abdulhag seine
schlafende Tochter Lina. Die Einjährige hat sich ohne großes Murren von
ihrem Vater ins Bett bringen lassen und schläft jetzt friedlich. Majdi
Abdulhag ist müde, er hat einen stressigen Tag hinter sich. Als Inhaber des
Weimarer Speditionsunternehmens "Huck Finn" akquiriert er Aufträge, schreibt
Kostenvoranschläge, kontrolliert die Buchhaltung. Kurz nachdem der
35-Jährige seiner Tochter einen Gute-Nacht-Kuss gegeben und sich ins
Wohnzimmer gesetzt hat, klingelt auch bei ihm das Telefon. Ein Freund aus
der Stadt. Er erzählt aufgeregt, dass überall Sirenen zu hören seien. "Hier
sind ganz viele Feuerwehren, das muss ein großer Brand sein", sagt der
Freund. Er habe gehört, es ist die Bibliothek. 


Wahrscheinlich brennt nur Papierkorb 
Stiftungspräsident Hellmut Seemann hört sein Handy. Er hat es auf
Vibrationsalarm gestellt, das Gerät lässt seinen Aktenkoffer zittern. Er
guckt nicht nach, ganz bestimmt ist es seine Frau Annette, die wissen
möchte, wann er zu Hause sein wird. Aber das Handy hört nicht auf zu
vibrieren. Es hat jemand auf die Mailbox gesprochen. Kurz vor neun Uhr.
Annette. "Die Bibliothek brennt, du musst dich sofort melden!" Hellmut
Seemann findet, ihre Stimme klingt trotz der Nachricht unaufgeregt. Dabei
neigt seine Frau normalerweise dazu, Dinge zu dramatisieren. Wahrscheinlich
ist nur ein brennender Papierkorb. Er fährt trotzdem los. Er hat ein ungutes
Gefühl.

Hartmut Haupt hat nach seiner Schicht noch Gartenarbeit gemacht. Der Leiter
der Berufsfeuerwehr Weimar wohnt in Berlstedt, rund elf Kilometer nördlich
der Stadt. An diesem Abend hat der 55-Jährige Rufbereitschaft, die zweite in
dieser Woche. Immer mittwochs bis mittwochs, tagsüber die normale Schicht,
nachts im Notfall. Als er aus der Dusche kommt, ist es soweit: Die Wache ist
am Telefon. Nicht immer wird der Leiter angerufen, nur bei den größeren
Sachen. Es ist eine große Sache. 20.30 Uhr, Hartmut Haupt zieht seine
Uniform an und rast los. Die Feuerwehr registriert den Alarm der
Brandmeldeanlage in der Bibliothek um 20.25 Uhr. Der alte, denkmalgeschützte
Komplex mit seinen Holzverkleidungen, den wertvollen Büchern und
Kunstgegenständen gehört zu den am stärksten gefährdeten Gebäuden der Stadt.
Die Berufsfeuerwehr rückt mit drei Fahrzeugen und Tanklöschzug aus. Von der
Wache in der Erfurter Straße bis zum Platz der Demokratie sind es nicht
einmal eineinhalb Kilometer. Um 20.31 Uhr sind die ersten Feuerwehrmänner
dort. Sie sehen den dichten schwarzen Qualm, der aus dem Dach des Gebäudes
dringt, und wissen: Diesmal ist es kein Fehlalarm. 

Der Wachabteilungsleiter, zweiter Mann nach Hartmut Haupt, erinnert sich
daran, dass die Freiwillige Feuerwehr gerade eine Schulung in der
Georg-Haar-Straße im Westen der Stadt hat. Glück im Unglück, denn so können
die Männer schneller als sonst vor Ort sein. Über die Leitstelle lässt er
alle sechs Freiwilligen Feuerwehren der Stadt alarmieren. 

Hartmut Haupt braucht 20 Minuten. Er versucht, nicht an die Verantwortung zu
denken, die auf seinen Schultern lastet, nicht an die unwiederbringlichen
historischen Schätze, die in Gefahr sind. Seit 1968 ist er bei der
Feuerwehr, seit 1990 Leiter der Berufsfeuerwehr Weimar. Er hat schon viele
Brände gelöscht, auch diesen wird er besiegen, hoffentlich. Um 20.50 Uhr ist
er da. Die Scheinwerfer und das Blaulicht erhellen den Vorplatz und das
Gebäude. Hartmut Haupt hat kein gutes Gefühl. Aus dem alten Dachstuhl quillt
mal heftig, dann wieder ganz wenig Qualm hervor. In den Dachgauben stehen
grelle Flammen. Immer mehr Menschen laufen auf den Platz, sie kommen aus der
ganzen Stadt. Sie wollen helfen, irgendetwas tun, bloß nicht nur zusehen
müssen. Hartmut Haupt schwitzt. Er muss Ruhe bewahren. Sein
Wachabteilungsleiter sagt, dass keine Menschen in der Bibliothek sind. Das
sei doch schon mal was.

Die erste Drehleiter wird hochgefahren, das erste Team versucht, mit
schwerem Atemschutzgerät zum Feuer zu kommen. Die Männer stürmen ins erste
Stockwerk, durch den Rokokosaal, vorbei an vergoldeten Rocailleverzierungen,
Skulpturen und wertvollen Gemälden durch das zweite Geschoss über die Treppe
nach oben. Doch die Brandschutztür zum Dachboden glüht - keine Chance,
durchzukommen. Hartmut Haupt mahnt seine Männer auf der Drehleiter per Funk
zur Vorsicht, er befürchtet eine Durchzündung. Niemand soll dem Dach zu nah
kommen. Es droht Lebensgefahr.

Michael Knoche muss aufpassen, er fährt so schnell, dass die dünnen Reifen
seines Fahrrades über das Kopfsteinpflaster rutschen. Am Ende der Ackerwand
biegt er links um die Ecke. Und erstarrt. Dicke Rauchschwaden steigen aus
dem Dach seiner Bibliothek. Der schönste Arbeitsplatz der Welt brennt. Ein
Albtraum. Kurz spürt er den Impuls, wieder umzukehren, abzutauchen in die
Dämmerung. Einfach wieder nach Hause fahren und morgen früh wie immer um
diese Ecke biegen, und alles ist wieder gut. Aber nichts ist gut. 

Michael Knoche läuft über den Vorplatz, ohne auf die Absperrung oder die
vielen Menschen zu achten, die Treppe hoch ins erste Geschoss, vorbei am
Rokokosaal, und weiter bis zu seinem Büro im noch unversehrten zweiten
Stockwerk. Stille. Unwirkliche, vertraute Stille, hier in seinem
Arbeitszimmer. Ein paar Sekunden lang hält er inne, rennt dann wieder nach
unten, vorbei an ihm entgegen kommenden Feuerwehrleuten. Er weiß nicht, was
er machen soll. Evakuieren? Abwarten? Er denkt an den geplanten Umzug der
Bücher, 20 Tage hatte er dafür veranschlagt. Jetzt hat er nur Minuten.

Knoche glaubt nicht an Wunder. Er möchte vorbereitet sein, sollte sich der
Brand weiter ausbreiten. Das Haus besteht überwiegend aus Holz, das weiß er,
und Holz brennt schnell. Er schnappt sich das nächstgelegene Gemälde, trägt
nach und nach Bilder und einzelne Bücher aus dem Haus und legt sie
vorsichtig auf den Vorplatz. Draußen trifft er mehrere seiner Mitarbeiter,
die bis zur Schließung um 20.30 Uhr in der Bibliothek gewesen waren.
Zusammen retten sie erst einmal die Dinge, die sie für die wichtigsten
halten, schleppen einzelne Folianten und Bücher aus dem Haus nach unten.
Dann fallen dem Direktor das gerade fertig gestellte Tiefenmagazin und der
unterirdische Durchgang ein, die neuen leeren Regale. "Ab sofort alles
direkt dorthin", ruft er seinen Leuten zu. Immer mehr Menschen schließen
sich an, wollen helfen. Wildfremde Gesichter. Michael Knoche kann nur an die
Bücher denken. Sie bilden eine Menschenschlange. 


946 Feuerwehrmänner im Einsatz 
Hellmut Seemann ist fast da. Vor ihm taucht das ehemalige Gauforum, ein im
Dritten Reich von den Nazis gebauter Komplex mit Glockenturm und großem
Vorplatz, auf. Über dem Gelände sieht der Stiftungspräsident riesige
Rauchschwaden in den Himmel steigen. Dieser Anblick wird ihm als einer der
schrecklichsten an diesem Abend in Erinnerung bleiben. Als er von Norden aus
vorbei am Büro der Touristen-Information zur Bibliothek läuft, fallen die
ersten Schieferplatten vom Dach. Sie knallen auf den Vorplatz und
hinterlassen schwarze Brocken. 

Es ist 21 Uhr. Auf dem Platz der Demokratie drängen sich inzwischen die
Feuerwehrfahrzeuge. Hartmut Haupt hat Hilfe aus dem gesamten Landkreis
angefordert, er braucht Drehleitern und mehr Männer. Insgesamt werden in
dieser Nacht 946 Einsatzkräfte mit 74 Fahrzeugen von 36 Feuerwehren aus ganz
Thüringen kommen. Den weitesten Weg legen die Helfer von der Berufsfeuerwehr
Gera zurück, sie fahren 70 Kilometer, um die Bibliothek zu retten.

Hartmut Haupt beobachtet den Dachstuhl, die pulsierenden Flammen. Plötzlich
schlägt eine riesige Flamme aus der Mitte des Dachs, mindestens 13 Meter
hoch. Die Durchzündung. Wie bei einer Explosion schießen mit dem Feuer
tausende Buchseiten in den Himmel und schweben über den Platz. Haupt atmet
tief durch. Mit der Durchzündung ist das Feuer nun kalkulierbar, ein offener
Brand, bei dem man als Feuerwehrmann weiß, was einen erwartet. Jetzt können
auch die Drehleitern wieder dichter ans Dach. Er entscheidet, mit Netzwasser
und Schaum zu löschen. 

Die Bibliothek. Eine Horrorvorstellung für Majdi Abdulhag. "Die Herzogin
gehört doch zur Stadt", sagt er zu seinem Freund. "Die Herzogin", sagt er,
als ginge es um eine Person. Er kann sich den Anblick der brennenden
Bibliothek einfach nicht vorstellen. Die Herzogin, denkt er, ohne sie wäre
Weimar nicht mein Weimar. Sein Telefon klingelt wieder, ein Mitarbeiter aus
dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar ist dran, die beiden Männer
kennen sich. Der Archivar bestätigt: "Es ist die Bibliothek." Aber man könne
noch Bücher retten, jeder werde gebraucht. Majdi Abdulhag setzt sich in
seinen Kleintransporter und fährt von seinem Haus in Niederzimmern so
schnell er kann die 14 Kilometer nach Weimar. Als er dort ankommt, ist es
ungefähr 22.30 Uhr. 

Seinen Transporter stellt er in einer Nebenstraße ab, bahnt sich den Weg bis
zur Bibliothek. Hunderte Menschen drängen sich davor, es ist laut und
unübersichtlich. Majdi Abdulhag sieht Menschen weinen, andere starren
erschrocken und wie gebannt hinauf zu den Flammen. Irgendwie schafft er es,
an den Absperrungen vorbei zu kommen, reiht sich im Gebäude in die
Menschenkette ein und gibt einen Bücherstapel nach dem anderen nach unten
weiter. Majdi Abdulhag erkennt Hellmut Seemann, den Stiftungspräsidenten,
und den Direktor der Bibliothek, Michael Knoche. Er steht genau neben ihm,
Schulter an Schulter, nimmt Bücher, die schon Goethe und Schiller in den
Händen hielten, entgegen. Der Direktor sieht ihn nicht. Er betrachtet jedes
Buch, liebevoll, betroffen, manchmal traurig. Majdi Abdulhag beobachtet, wie
Kartons mit Büchern weitergegeben, im Tiefenmagazin ausgeleert und wieder
zurück gebracht werden. Vom Löschwasser sind sie schon ganz weich. Er schert
aus der Menschenkette aus und läuft zu seinem Transporter.

Die Evakuierung der Bücher läuft zum Teil chaotisch und muss besprochen
werden. Michael Knoche, Hellmut Seemann und einige andere Männer treffen
sich zu einer kurzen Lagebesprechung in einem der Feuerwehrwagen. Es ist eng
und stickig, die Feuerwehrleute berichten kurz und sachlich von den
einzelnen Brandherden. Es bestehe die Gefahr, dass das Feuer durch die ovale
Öffnung zwischen dem zweiten und dritten Geschoss das ganze Gebäude
entzündet. Durch diese Öffnung war vor diesem Tag vom Rokokosaal aus das
Deckengemälde "Genius des Ruhms" nach Annibale Carracci zu sehen. Sie sagen,
man könne nicht sicher sein, dass die Decke hält. Michael Knoche denkt an
seine Bibliothek, die vielen unbezahlbaren Schätze, die nun von Flammen und
Wasser bedroht sind. Er empfindet die Sprache der Brand-Profis als
militärisch. 

Hellmut Seemann ringt nach Argumenten. Doch gegen die Feuerwehrleute kommt
er nicht an, es gibt kein Argument, das die Gefährdung von Menschenleben
rechtfertigen würde. Die Entscheidung der Einsatzleitung steht fest: Die
Bibliothek darf nicht mehr betreten werden. 


Die Bibel ist noch im Gebäude 
Michael Knoche und Hellmut Seemann stehen hilflos davor. Durch die Fenster
sehen sie Flammen, die sich durch Bücherregale fressen. Bände aus der
Barockzeit, Notendrucke und handschriftliche Partituren aus der
Musikaliensammlung Anna Amalias - alles verloren. Plötzlich fällt Michael
Knoche die Luther-Bibel ein. Die erste vollständige Ausgabe des Alten und
Neuen Testaments aus dem Jahr 1534 mit kolorierten Holzstichen aus der
Cranach-Werkstatt - sie müsste noch immer im zweiten Stockwerk stehen,
unversehrt. Also doch wieder ins Haus. Auf der Treppe begegnet er einem
Feuerwehrmann: "Ich muss die Bibel holen", ruft Michael Knoche ihm entgegen,
atemlos. Überraschenderweise sagt der nur: "Okay". Die beiden Männer laufen
durch die Gänge, über Wasserschläuche, die auf dem Boden liegen, durch
Pfützen. Der Feuerwehrmann leuchtet den Weg mit der Taschenlampe, fragt
immer wieder "Wohin? Wohin?" Von oben regnet lauwarmes Löschwasser. Sie
kommen tatsächlich in den zweiten Stock. Knoche greift sich die beiden
schweren Bände der Luther-Bibel, überlegt kurz, packt die Ausgabe des
September- und Dezember-Testaments von 1522 noch oben drauf und bringt sie
sicher aus dem Gebäude.


50 000 Bücher werden zerstört 
Irgendwer hat eine spontane Pressekonferenz im Hotel Elephant organisiert.
Oberbürgermeister Volkhardt Germer und Kultusminister Jens Goebel sprechen
kurz, dann erhält Hellmut Seemann das Wort. Auf dem kurzen Fußweg von der
Bibliothek zum Hotel hat er einen verkohlten Druck von der Straße
aufgehoben, den er nun in die Kameras hält. Er hört sich selbst noch die
Kontonummer für Spenden aufsagen.

Michael Knoche soll sich zum Ausmaß des Schadens äußern. Er ist in Gedanken
bei einzelnen Büchern, er kann in diesem Moment nicht mehr rechnen. Er redet
von etwa 15 000 zerstörten Büchern. Später stellt sich heraus, dass es mehr
als 50 000 sind. 

Dieter Althaus ist geschockt. Eben noch saß Thüringens Ministerpräsident auf
einem der rot gepolsterten Holzstühle im Studio der ZDF-Sendung "Berlin
Mitte". Der CDU-Politiker diskutierte eine Stunde lang mit dem
SPD-Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement, der
PDS-Spitzenkandidatin für Brandenburg, Dagmar Enkelmann, und dem Kölner
Sozialarbeiter Thomas Münch über das Thema "Demos, Druck und Defizite - wer
zahlt für Hartz IV?". 2,46 Millionen Zuschauer wird der Sender später
zählen. Dann, kurz nachdem Moderatorin Maybrit Illner das Ende der Sendung
verkündet, kommt ein Mitarbeiter auf Dieter Althaus zu und informiert ihn
über den Brand. Thüringens Landesvater beschließt, sofort nach Weimar zu
fahren.

Majdi Abdulhag hat für die Fahrt von Weimar nach Niederzimmern nicht lange
gebraucht, die Straßen sind frei in dieser Nacht. Er lädt alle Umzugskartons
ein, die er in seinem Lager am Haus stehen hat, es sind ungefähr 1500. 

Als Michael Knoche und Hellmut Seemann von der Pressekonferenz zurückkehren,
sind wieder Menschen in der Bibliothek. Das Gebäude ist doch nicht
einsturzgefährdet. Hellmut Seemann ist wieder in seinem Element, es gibt
etwas zu organisieren. Er koordiniert die Menschenkette vom zweiten
Stockwerk bis ins Tiefenmagazin. Durch die Scheinwerfer und das Blaulicht
auf dem Vorplatz fällt fahles Licht durch die Fenster, immer mehr
Löschwasser tropft von den Decken, auf dem Boden haben sich tiefe Pfützen
gebildet. Alle sind durchnässt und schmutzig. Es riecht nach Asche, Staub
und Schmutzwasser. 

Dieter Althaus sitzt im Fond seines Dienstwagens, über die Autobahnen A 100,
A 10 und A 9 geht es vorbei an Potsdam, Dessau, Leipzig, Gera und Jena.
Draußen ist es inzwischen Nacht, der Ministerpräsident denkt an das wichtige
Stück Weltkulturerbe, das nun in Flammen steht. Der kurze Satz seines
Referenten kreist in einer Endlosschleife durch seinen Kopf: "Die Bibliothek
brennt lichterloh." Eine Katastrophe. Über Mobiltelefon lässt er sich vom
Thüringer Lagezentrum ständig über die Lage informieren. Es ist ein Uhr
morgens, als Dieter Althaus, in Anzug und mit Krawatte, wie immer, auf dem
Platz der Demokratie steht und das betrachtet, was das Feuer von der
Herzogin Anna Amalia Bibliothek übrig gelassen hat. 

Um 22.23 Uhr hatte Einsatzleiter Hartmut Haupt gemeldet: Der Brand ist unter
Kontrolle. Um 23.30 Uhr: Das Feuer ist aus. Trotzdem wird die ganze Nacht
weiter gelöscht, es gibt noch immer Glutherde. Aus dem Dach der Anna Amalia
Bibliothek wird noch drei Tage später, am Sonntag, Rauch kommen. 

Hartmut Haupt verspürt auch am nächsten Morgen keine Müdigkeit. Er ist im
Einsatz, da kann er sich so was nicht erlauben. Irgendwoher, jemand sagt,
von einer Hochzeitsfeier, werden belegte Brötchen gebracht. Das
Coca-Cola-Werk Weimar bringt Getränke für die Helfer. In dieser Nacht tut
jeder das, was in seinen Möglichkeiten liegt.

Als Hellmut Seemann mit Ministerpräsident Dieter Althaus durch das Gebäude
geht, sieht er jemanden in der Menschenkette zusammensinken. Die Menschen
können nicht aufhören, zu helfen. Unermüdlich geben sie Kartons mit Büchern
weiter, ohne Rücksicht auf Hunger oder Müdigkeit. Hellmut Seemann fängt in
dieser Nacht wieder an zu rauchen. Ein Jahr lang hatte er durchgehalten,
jetzt hat er keine Kraft mehr, eine ihm angebotene Zigarette abzulehnen. 


Der Bund stellt eine Soforthilfe in Aussicht 
Gegen fünf Uhr morgens fährt Hellmut Seemann nach Hause. Vorher haben er und
Michael Knoche allen Helfern gedankt und gesagt, dass sie ins Bett gehen
sollen. Die Zeit der Erholung ist kurz: Um neun Uhr weckt ihn seine Frau
Annette. Staatsministerin Christina Weiss, Beauftragte des Bundeskanzlers
für Kultur und Medien, hat sich für elf Uhr in Weimar angekündigt. 

Überwältigt von den Eindrücken der Nacht umarmt Michael Knoche die
Staatsministerin, als die ihn vor der Bibliothek begrüßt. Sie sagt eine
finanzielle Soforthilfe von vier Millionen Euro zu. 

Auf der Pressekonferenz am Morgen im Rathaus spricht Hellmut Seemann aus,
was alle denken: "Um ein Haar wäre die Wiege der deutschen Klassik völlig
zerstört worden." Und Michael Knoche, übernächtigt und emotional aufgewühlt,
ruft: "Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek wird nicht untergehen!" 

Später ist es ihm peinlich, dass ausgerechnet dieser Satz, in dem seine
Stimme etwas verrutschte, immer wieder zitiert wird. Doch zum Glück wird er
Recht behalten.

Aus der Berliner Morgenpost vom 15. Oktober 2007



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