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Sun Jul 22 10:58:09 CEST 2007
Gestohlene Meisterwerke: Hunderte Picassos, Chagalls und Mirós stehen auf der internationalen Fahndungsliste
Die Kunstdetektivin
Van Gogh, Renoir, Spitzweg, Picasso – noch nie verschwanden so viele Millionenwerte aus Museen und Privatsammlungen wie heute. Weltweite Schadensbilanz jährlich: sechs Milliarden Euro. Deutschlands bekannteste Kunstdetektivin Ulli Seegers jagt nach den gestohlenen Schätzen. Auf ihrer Fahndungsliste: Die gigantische Anzahl von 180 000 gestohlenen Artefakten.
Der nächtliche Kunstraub dauerte 54 Sekunden: Einstieg über ein Baugerüst, die Vitrine mit einem Pflasterstein zertrümmert – weg war der teuerste Salzstreuer der Welt: Cellinis „Saliera“ aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Das 30 Zentimeter hohe Prachtstück aus purem Gold gilt als Mona Lisa unter den Renaissance-Skulpturen. Schätzwert: 50 Millionen Euro.
Der Fall hält nicht nur FBI, Interpol, Scotland Yard und BKA in Atem, auch die Kunstdetektivin Ulli Seegers (35) in Köln. Umgehend trägt sie den Diebstahl in das Datenregister ein. Sie warnt die digital vernetzte Kunstszene via Internet. Alle 40 Mitarbeiter ihrer international operierenden Detektei haben per Intranet sofort Zugriff auf den Pool. Akribische Recherchen beginnen: „Wir nutzen intime Kontakte bis in den schwarzen Markt hinein.“
Seit 1999 leitet die promovierte Kunsthistorikerin den deutschen Stützpunkt des Art-Loss-Register (ALR) in Köln. Partner des privatwirtschaftlich geführten Unternehmens sind neben Kunstversicherungen, Galerien- und Kunsthändlerverbänden 15 Auktionshäuser, darunter die großen Häuser Christie’s und Sotheby’s. Alles, was sich in der weltweit größten Datenbank des auch in London, Amsterdam, New York, Neu Delhi und Moskau residierenden Unternehmens findet, gilt als gestohlen.
180 000 Werke sind verschwunden. Der Wert der erlesenen Artefakte ist nicht zu taxieren: „Das sind zig Milliarden.“ Etwa 1000 geraubte Objekte pro Monat registriert Ulli Seegers weltweit monatlich per Mail und Fax, bis zu 30 Diebstähle täglich. „Wir erfassen die Verluste über 400 Versicherungsgesellschaften, von geschädigten Privatsammlern und Polizeidienststellen, vom LKA, BKA und vom FBI.“
Mit Klischees räumt Ulli Seegers auf: „Wir machen keine Polizeiarbeit. Wir kennen uns in einem hoch spezialisierten Segment aus und arbeiten der Polizei zu.“
Zehntausende Preziosen sind in dunklen Kanälen verschwunden: Gemälde und Graphiken, Zeichnungen und Ikonen, Friedhofsstatuen, Büsten, mittelalterliche Bleiglasfenster, aber auch Sammlerobjekte wie Briefmarken- und Münzsammlungen, antike Möbel, Uhren und Puppen. Kurz: alles, was kostbar und unersetzlich erscheint – vom silbernen Barock-Leuchter für 1200 Euro bis hin zur Leonardo da Vincis „Madonna mit der Spindel“.
Das berühmteste Madonnenbild des italienischen Renaissance-Meisters war 2003 auf dem schottischen Drumlanrig Castle von der Wand gerissen worden und ist bis heute verschollen. In dem Büro im Herzen Kölns stapeln sich die Vermisstenmeldungen aus Museen, Galerien und Privatsammlungen. Fax-Ausdrucke, Fotos und Briefe stapeln sich in Ablagen.
Fachzeitschriften und Kunstbände türmen sich auf Schreibtischen. Tausende geheimer Akten lagern in feuersicheren Stahl-Hängeschränken. Viele Schicksale sind ungelöst: Wo darbt seit 18 Jahren „Der arme Poet“ von Spitzweg? Das Bild war im Wendeherbst aus dem Berliner Schloss Charlottenburg geraubt worden. Wo landete das „Selbstporträt mit Palette“ von Edouard Manet? Wohin sind die „Rennpferde“ von Edgar Degas galoppiert? Auch Renoirs „Badende“ ist nicht mehr zu sehen, und der „Matrose“ von Picasso ist von Bord gegangen.
Überhaupt Picasso: „Was glauben Sie, wie viele Picassos derzeit gesucht werden?“ Die Münsteranerin gibt am Rechner den Begriff in die Such-Maske ein. Dutzende Werke des Jahrhundertgenies erscheinen auf dem Bildschirm. Erst im Februar hatte der Raub von bedeutenden Picasso-Gemälden in Rio de Janeiro und Paris die Kunstwelt erschüttert.
Aus einer Privatwohnung im noblen siebenten Arrondissement verschwanden spurlos zwei Gemälde im Wert von 50 Millionen Euro. Das Opfer war ausgerechnet Picassos Enkeltochter Diana Widmaier-Picasso.
Im Datenpool der Kunstdetektivin drängeln sich die Ikonen der Kunstgeschichte: Die geballte Ansammlung von 262 Chagalls, 291 Mirós, von etwa 150 Rembrandts und Renoirs, 181 Dürern und 14 Kandinskys. Und ihre Zahl steigt. Allein in Deutschland verschwinden bis zu sieben Werke täglich, vom kostbaren Beuys bis hin zur antiken Taufkanne, vom Leuchterengel bis zum Silberbesteck von Tante Erika.
„Unser Tagwerk ist auch die Identifizierung des silbernen Kaffeekännchens, das 1500 Euro kostet.“ Allein das Land Hessen vermisst derzeit fast 1800 Kunstwerke. Auf Kunstbörsen und Trödelmärkten wird so viel heiße Ware angeboten wie nie zuvor. Alles, was Berufseinbrecher von ihren Raubzügen so anschleppen – vom kostbaren Perserteppich bis hin zur wertvollen Pergamenthandschrift.
Seit Öffnung der Ostgrenzen ist die Bundesrepublik zu einer der Drehscheiben des internationalen Kunst–Schwarzmarkts aufgestiegen. Ob Waffen- und Menschenhandel oder Drogenkriminalität – längst ist der Übergang vom Kunstdiebstahl in Bereiche der organisierten Kriminalität fließend. „Wir haben da häufig Schnittstellen“, bestätigt Seegers. Kunstwerke dienen dem organisierten Verbrechen als Instrument zur Geldwäsche oder als Zahlungsmittel.
Millionen von Euro lassen sich kaum praktischer transportieren als in Form eines zusammengerollten Picassos. Für die Diebe beginnen die Schwierigkeiten erst, wenn der Coup geglückt ist. Die Kunst beim Kunstraub besteht darin, Beute in Bares zu verwandeln. Berühmte Werke gelten als unverkäuflich. „Art-Napping“ lautet eine pikante Variante, die Preziosen dennoch zu versilbern.
Die entführte Prominenz hört auf so wohlklingende Namen wie Munch, Rembrandt, Vermeer oder Renoir. Erpresser bieten Museen die Bilder gegen Lösegeldzahlungen wieder an. Ein unmoralisches Angebot und rechtlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Aber lieber zahlt ein Opfer – nicht selten die Versicherung – nur zehn Prozent des Verkehrswertes, als hundert Prozent verloren zu geben.
Art-Napping steht allerdings nicht auf der Tagesordnung – noch nicht: „Die Aufklärungsquote bei Lösegelderpressung liegt sehr hoch.“ Für fünf Millionen Euro kaufte die Londoner Tate-Gallery 2002 zwei Gemälde von William Turner zurück. Deckname der Operation: „Kobalt“. Die Hamburger Kunsthalle musste 2006 für die Rückkehr eines Caspar David Friedrichs eine „Aufwandsentschädigung“ von 250 000 Euro zahlen. Die „Nebelschwaden“ hatten einen Versicherungswert von knapp zwei Millionen Euro.
Die Suche nach einem gestohlenen Kunstwerk läuft nach einem festen Schema ab: Kleinanzeigen abgrasen, Kataloge durchwälzen, Kunstmessen in den Zentren des Kunsthandels – Paris, London, New York – abklappern. Vor Versteigerungen checken Ulli Seegers und ihre Kollegen die Auktionsverzeichnisse auf Diebesgut, 300 000 Kunstwerke jährlich.
„Jedes 4500. Auktions-Los führt zur Wiederauffindung gestohlener Kunst.“ Ulli Seegers kennt die Kniffe und Tricks der Kunsträuber: Erst zwei, drei Jahre nach einem Raub beginnt für die Detektivin die heiße Phase: „Viele Kriminelle glauben dann, dass Gras über die Sache gewachsen ist.“ Sie mischen die Hehlerware mit legalen Objekten und versuchen, sie per Kleinanzeige oder durch fliegende Händler zu verscherbeln. Nicht selten wird die heiße Ware auf Auktionen ganz offen an den Mann gebracht.
Für jedes wiederbeschaffte Kunstwerk kassiert das ALR eine Provision: Maximal 15 Prozent bis zu einem Gegenwert von 75 000 Euro. Auch in Bibliotheken und Archiven spürt Seegers Verschollenem hinterher. Im Fokus steht derzeit die Beutekunst. 14 000 mesopotamische Schätze aus dem Irak werden vermisst, ebenso unersetzliches Kulturgut, das nach 1945 aus Deutschland verschwand.
„Wir bieten den deutschen Museen die kostenlose Registrierung ihrer Kriegsschäden an.“ Allein 60 000 Artefakte fallen unter die Rubrik „NS-Raubkunst“. Prachtstücke, die von den Nazis aus überwiegend jüdischen Sammlungen konfisziert wurden. Erst im Juni waren aus Görings Raubsammlung 14 Gemälde von Renoir, Monet und anderen Malern in einem Schweizer Schließfach wieder aufgetaucht.
Ein typisches Täterprofil gibt es nicht. Der smarte Kunsträuber, der van Goghs in Rififi-Manier stiehlt, gehört zum Hollywood-Mythos. Die Profis gehen immer energischer und pfiffiger vor. Sie schalten Alarmanlagen mit Bauschaum aus, überstülpen Überwachungskameras mit Kartons. Getarnt als Rollstuhlfahrer, verkleidete Polizisten und harmlose Galeriekunden lassen sie in Sekundenschnelle Millionenwerte verschwinden. Oft am helllichten Tag.
Neu ist die Brutalität, mit der die Banden vorgehen. Der Überfall auf Russborough Castle in Irland im Jahre 2002 geschieht in paramilitärischer Manier: Mit Sturmhauben maskierte Männer rammen mit einem Geländewagen das Hauptportal. Dann räumen sie das Musikzimmer mit seinen Gemälden aus. Es ist die vierte Attacke innerhalb von 17 Jahren. Insgesamt 45 Gemälde verschwinden, darunter Werke von Rubens, Vermeer, Goya und Gainsborough.
Geradezu als Glücksfee empfindet sich Ulli Seegers, wenn sie mithelfen kann, eine Kostbarkeit wie die „Winterlandschaft“ (1629) des flämischen Malers Esaias van de Velde zu lokalisieren. Gelegentlich spielt sie den Lockvogel. Zuletzt bei der Heimholung zweier Werke von Sigmar Polke. Die Kunstdetektivin gab sich als passionierte Sammlerin aus und traf sich mit dem Kriminellen in einem Münchner Café. An den Nachbartischen nippten Zivilfahnder ihren Kaffee. Sekunden später klickten die Handschellen.
Fühlt sie sich gefährdet? „Wäre ich ein ängstlicher Mensch, würde ich die Arbeit nicht machen.“ Manchmal hat sie es schon mit „halbseidenen Gestalten“ zu tun. „Aber in dem Moment, wo es brenzlig wird, halte ich mich da schön raus.“
Apropos Cellinis Salzstreuer: 2006 ist das unerschwingliche Goldfässchen wieder aufgetaucht: In einem Waldstück mit dem bezeichnenden Namen „Schatzbichl“ in Niederösterreich. Der Dieb stellte sich: Es war der Chef einer Wiener Alarmanlagen-Firma.
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