[MSN] Stolen statue recovered at The European Fine Art Fair
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Tue Dec 11 08:31:12 CET 2007
Eine gute Figur
Da steht sie nun und kann nicht anders. Sie schweigt. Dabei hätte sie viel
zu erzählen. Sie wäre die einzige, die den Kunstraub in eigener Sache
aufklären könnte. Und nur sie wüsste genau, wo sie die vergangenen 100 Jahre
über gesteckt hat.
Großansicht
Ohne TitelGoldene Tafel, Heiligenfigur, Landesmuseum Hannover am 10.
Dezember 2007. Foto: Martin Steiner
Fast das gesamte 20. Jahrhundert über war sie fort. Das Kaiserreich brach
zusammen, die Sowjetunion kam und ging, Menschen flogen zum Mond sie blieb
verschwunden. Aber Heilige leben im Angesicht der Ewigkeit und haben einen
langen Atem. Ebenso wie Kunstexperten. Und deshalb wird die rund 30
Zentimeter hohe Figur heute wieder ihren angestammten Ort einnehmen, so, als
wäre sie nie verschwunden aus ihrer Nische im berühmten Altarretabel der
Goldenen Tafel im hannoverschen Landesmuseum. Verschiedene Geldgeber haben
den Kauf der 250000 Euro teuren Statuette ermöglicht.
Damit findet nach mehr als 100 Jahren ein Kriminalfall sein Ende. Das
Retabel, geschaffen um 1420 für die Lüneburger Michaeliskirche, kam etwa
1862 ins damalige Welfenmuseum. Zu diesem Zeitpunkt waren von zwölf
kleineren Heiligenfiguren, die an der Innenseite der aufklappbaren Flügel
eine Reihe bilden, noch fünf vorhanden. Als die Flügel der Goldenen Tafel
1925 erstmals fotografiert wurden, waren es nur noch vier. Vermutlich ist
die Statuette 1902 verschwunden, als das Museum von der Cumberlandschen
Galerie in sein heutiges Gebäude umzog, sagt Kurator Thomas Andratschke,
der die Geschichte der Figur mit kriminalistischer Akribie rekonstruiert
hat. Erst im vergangenen März tauchte sie plötzlich wieder auf, als der
Starnberger Kunsthändler Florian Eitle-Böhler sie bei der internationalen
Kunst- und Antiquitätenmesse TEFAF in Maastricht anbot. Darüber, woher er
sie hatte, hüllt er sich in Schweigen.
Nur durch eine konzertierte Aktion mehrerer Institutionen war es möglich,
die Statuette für das Museum zu kaufen: Die Niedersächsische Lottostiftung
und die Kulturstiftung der Länder haben sich daran ebenso beteiligt wie die
Klosterkammer, das Niedersächsische Kulturministerium und die Stiftung
Niedersachsen. Das Altarretabel ist fraglos der beste Ort für die Figur,
sagt Sigrid Maier-Knapp-Herbst, Präsidentin der Klosterkammer. Allerdings
sei es wünschenswert, künftig auch in der Lüneburger Michaeliskirche, die
zur Klosterkammer gehört, an die legendäre Goldene Tafel zu erinnern etwa
so, wie es seit einigen Monaten schon im Kestner-Museum geschieht. Dort
wurde der nicht mehr erhaltene Reliquienschrein, der im Zentrum des Altars
stand, maßstabsgetreu auf eine Glaswand gemalt. Dahinter stehen wie in einem
frommen Setzkasten die Originalreliquiare, die teils im Kestner-Museum
gelandet sind.
Die Altarflügel hingegen zählen zu den Prachtexponaten des Landesmuseums
und ihr Glanz lässt Kurator Andratschke zu Superlativen greifen:
Norddeutschlands Kunstgeschichte hat bis zu Schwitters und Paula
Modersohn-Becker nichts so Bedeutendes hervorgebracht wie die Gotik um
1400, sagt er. Die Goldene Tafel sei mindestens so wichtig wie der berühmte
Barfüßer-Altar, das zweite Prunkstück der Landesgalerie. Auch deshalb sei es
so wichtig gewesen, die aus Eichenholz geschnitzte, kunstvoll bemalte und
vergoldete Figur zu bekommen: Sie ist außergewöhnlich gut erhalten, selbst
die Metallapplikationen an der Krone sind in gutem Zustand, sagt der
Kurator. Inzwischen versuche das Museum, Geld für eine großangelegte
Restaurierung des Altars zusammenzubringen, ähnlich wie vor einigen Jahren
beim Barfüßer-Altar.
Die Heilige ist nicht die erste Figur aus der Zwölferreihe, die nach
Jahrzehnten an ihren Platz zurückkehrt: Bereits 1930 war die ebenfalls lange
verschwundene heilige Odilia wieder aufgetaucht, das Roseliushaus in Bremen
gab sie 2005 als Dauerleihgabe ins Landesmuseum. Ganz in ihrer Nähe soll nun
die neue Figur stehen. Ihr Platz in der Reihe ließ sich unter anderem mit
Hilfe einer Zeichnung von 1761 ermitteln außerdem passt sie so gut in die
Aussparung in der Altarwand, als hätte diese all die Jahrzehnte lang nur
drauf gewartet, sie wieder aufzunehmen.
Ein letztes Rätsel umgibt die Statuette allerdings: Es ist unklar, welche
Heilige der unbekannte Meister vor fast 600 Jahren porträtiert hat. Sie hält
zwar ein Buch in der Hand, wie viele Heilige, doch das Attribut, an dem die
Figur identifizierbar wäre, ist wohl schon lange verlorengegangen.
Museumsdirektorin Heide Grape-Albers wird sie heute bei einer Feierstunde an
ihren alten Ort zurückstellen. Die Unbekannte wird künftig so unergründlich
wie eine Sphinx vom Altar herablächeln und das Geheimnis ihrer Identität
mit aller Würde wahren, die einer echten Heiligen zu Gebote steht.
Von Simon Benne""
http://www.haz.de/newsroom/kultur/dezentral/kultur/art2610,179370#
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