[MSN] Gewissen oder Geldgier, Konferenz zum Thema Raubkunst

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Tue Apr 24 06:49:55 CEST 2007


    Gewissen oder Geldgier


  Konferenz zum Thema Raubkunst

WELF GROMBACHER

Bis vor kurzem gab es hinter vorgehaltener Hand in Berlin eine 
Anweisung, wonach Bilder der Bundeskunstsammlung, bei denen Gefahr 
bestehen könnte, dass Restitutionsforderungen geltend gemacht werden, 
nichts in Amtsstuben mit öffentlichem Publikumsverkehr zu suchen haben. 
Man weiß ja nie. Am Ende könnte jemand in einem Ministerium ein Gemälde 
aus ehemals jüdischem Familienbesitz entdecken, das im Dritten Reich von 
den Nazis enteignet wurde, und es zurück haben wollen.

Die Angelegenheit zeigt, dass in Sachen Beutekunst und Rückübertragung 
in Deutschland immer noch Redebedarf besteht. Auch, wenn einige meinen, 
mehr als 60 Jahre nach Kriegsende sei es an der Zeit, die Sache endlich 
ruhen zu lassen. Seit Sonntag findet in Potsdam nun eine internationale 
Konferenz zum Thema statt. Eingeladen vom Moses Mendelssohn Zentrum 
(MMZ), debattieren 250 Experten aus zwölf Ländern über moralische, 
juristische und politische Fragen.

In der vergangenen Zeit sei oft auf eine polemische, emotionale Art über 
Raubkunst gesprochen worden, wie Julius H. Schoeps, Direktor des MMZ, 
meinte, was nicht zu einer Klärung, sondern zu noch mehr Verwirrung 
beigetragen habe. Die Konferenz wolle darum helfen, den Diskurs zu 
versachlichen und konstruktive Lösungsansätze zu erarbeiten.

*Wabernder Moralraum*

"Eine Debatte ohne Ende?" ist das Motto des dreitägigen Symposiums. Und 
das Fragezeichen kann durchaus als ein rein rhetorisches verstanden 
werden, wie Michael Naumann in seinem Eröffnungsvortrag am Sonntag schon 
klarstellte. Die Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich 44 Staaten 
dazu verpflichtet haben, den Rückübertragungen nachzukommen, habe 
deutlich gemacht, dass Ansprüche nicht verjähren. In einer vehementen 
Rede sprach sich der ehemalige Kulturstaatsminister und heutige 
"Zeit"-Herausgeber gegen die von Juristen immer wieder geforderten 
Fristen aus. "Derlei Fristen dienen zwar dem Rechtsfrieden. Der 
Rechtsfrieden aber ist nicht gleichzusetzen mit Gerechtigkeit", so Naumann.

Dieser Meinung sind nicht alle. "Wir brauchen klare Fristen, um den 
Druck auf alle Beteiligten zu erhöhen, sich für das Thema einzusetzen", 
forderte etwa der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung, der zu den 
Referenten des Symposiums zählt. "Bislang befinden wir uns in einem 
wabernden Moralraum." Hartungs Ansicht nach wäre ein Limit bis 2020 für 
die Anmeldung von Besitzansprüchen hilfreich. "Diese Frist kann aber nur 
dann funktionieren, wenn bis dahin die Thematik durch eine lückenlose 
Provenienzforschung in den betroffenen öffentlichen und privaten 
Institutionen aufbereitet ist."

*Nachschub für den Kunstmarkt?*

Genau hier aber liegt das Problem. Nur wenige Museen sind finanziell 
dazu in der Lage, Provenienzforschung zu leisten und frühere Besitzer 
ausfindig zu machen. Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht wirklich in 
ihrem Interesse liegt, sich selbst die eigenen Exponate abzusprechen, um 
sie an Alteigentümer zurück zu geben. Zwischen 1933 und 1945 sind 650 
000 Kunstwerke in den Besitz der Nationalsozialisten übergegangen. 
Michael Naumann sprach vom "umfangreichsten Kunstdiebstahl der deutschen 
Geschichte". 100 000 Werke davon seien bis heute spurlos verschwunden.

Es könne nicht angehen, den jüdischen Erben Geldgier vorzuwerfen, wie es 
vor kurzem im Rahmen der Rückgabe von Ernst Ludwig Kirchners "Berliner 
Straßenszene" passiert sei. Mit ungewohnt harten Worten griff Naumann 
die Rädelsführer der Debatte an und nannte sie mit Namen, wie 
beispielsweise den Chef des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd 
Schultz. Der hatte in der "Frankfurter Allgemeinen" damals geschrieben: 
"Man sagt Holocaust und meint Geld" und von "ausgebufften 
Restitutionsanwälten in den Vereinigten Staaten" gesprochen, die in den 
Depots deutscher Museen lediglich "Nachschub für den internationalen 
Kunstmarkt" wittern. Naumann trat dafür ein, dass auch diesen Kritikern 
bei der Nennung des Wortes "Holocaust" bald nicht mehr Geld in den Sinn 
komme, sondern vielmehr "Schuld" und "Verantwortung".

/Konferenz "Eine Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im 
deutschsprachigen Raum": Heute, 9.15-16 Uhr. Altes Rathaus, Am Alten 
Markt, Potsdam./

http://www.maerkischeallgemeine.de/




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