[MSN] Der Fluch der Saliera. Sicherheitsangestellter Erwin Plank verlor durch den Diebstahl nicht nur den Job.
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Tue Sep 19 07:33:29 CEST 2006
Der Fluch der Saliera
Sicherheitsangestellter Erwin Plank verlor durch den Diebstahl nicht nur den
Job
Mit dem neuen Sicherheitschef haben die Probleme begonnen, meint Plank
Kapputte Melder wurden nicht ausgetauscht, so Plank
Den Mut hatte er sich mit ein paar Bier und Tequilla angetrunken. Und
dabei war alles noch viel einfacher, als er gedacht hatte. Am 11. Mai 2003
kletterte der Sicherheitsfachmann Robert Mang über ein Baugerüst zum ersten
Stock des Kunsthistorischen Museums (KHM), gelangte durch ein Fenster in das
Innere und raubte das berühmteste Salzfass der Welt. Erst im Jänner 2006
konnte er nach etlichen Erpressungsversuchen festgenommen werden. Als
Experte waren ihm die völlig unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen im
Museum bei einer Führung sofort ins Auge gestochen und hatten ihn zur Tat
animiert. Doch bevor der Dieb gefasst wurde, musste die Schuld zuerst bei
jemand anderem gesucht werden. Es traf nicht die eigentlich
Sicherheitsverantwortlichen, sondern jenen Wächter, der in besagter Nacht
Dienst hatte. Erwin Plank über sein Leben nach dem Salieraraub und die
mangelhaften Sicherheitsanlagen im KHM.
Plank: Will nur ein normales Leben
CHiLLi: Wie hat sich Ihr Leben durch den Saliera-Diebstahl verändert?
Erwin Plank: Ich hatte vorher ein relativ gutes Leben. Ich habe in der
Sicherheitszentrale des Kunsthistorischen Museum Wien gearbeitet und war
vorher von 1991 bis 1999 bei der Firma Securitas. Da war man auch immer
mit mir zufrieden. Außerdem habe ich in vielen anderen Objekten gearbeitet,
das war also nichts Neues für mich. Heute stehe ich aber vor dem
finanziellen Ruin und bin jetzt mittlerweile das vierte Jahr beim AMS und
beziehe Notstandshilfe.
CHiLLi: Wie ist das in der Nacht, als die Saliera gestohlen wurde,
abgelaufen?
Erwin Plank: Abgesehen von der Langen Nacht der Museen war es eigentlich
eine ganz normale Nacht. Verhältnismäßig sogar eine sehr ruhige Nacht, weil
nur ein Alarm losgegangen ist. Wir waren zu dritt in der
Sicherheitszentrale, ein zweiter Kollege und der Portier, also drei in der
Stellung gleichwertige Leute. Ich weiß nicht mehr, wann der Alarm genau
gekommen ist. Ich habe den Alarm nicht abgestellt wie immer behauptet wird
sondern einfach zurückgestellt. Das bedeutet, ich mache ihn sofort wieder
bereit für einen neuen Alarm. Es ist aber nur ein Alarm gekommen. Wenn
wirklich ein Einbruch geschieht, wird zumeist ein Dominoeffekt ausgelöst.
Wenn sie in einen Raum gehen, in dem Alarmmelder sind, lösen sie den ersten
sofort aus, wenn sie den Raum betreten. Dann wird einer nach dem anderen
ausgelöst, wie Dominosteine, die der Reihe nach umfallen. Das war aber hier
nicht der Fall.
CHiLLi: Sie sagten, es seien oft mehrere Alarme gekommen
Erwin Plank: Es gab sogar Alarme, die voraussagbar waren, und das ist ja die
größte Frechheit bei einem Alarmsystem. Zu bestimmten Zeiten gingen immer
Alarme los und wir haben auch schon gewusst, welche Melder das sein werden.
Bevor ich zum KHM kam, war ich zuvor schon bei der Immuno (Pharmakonzern,
heute Baxter; Anmerkung der Redaktion) und der Hofburg. Da geht das Ganze
relativ streng ab. Dort hat man sich an die Regeln halten müssen, laut
Dienstanweisung musstest du handeln. Als ich zum KHM kam, war die
Sicherheitsanlage am Anfang noch sehr gut, aber dann ist der damalige
Sicherheitschef ausgetauscht worden. Und dann ist es losgegangen: Die Anlage
hat immer mehr Macken gehabt, immer mehr Melder sind aus dem Programm
herausgenommen worden, also ausgeschaltet worden.
CHiLLi: Es waren also Melder vorhanden, die einfach nicht angeschlossen
waren?
Erwin Plank: Die sind kaputt gegangen und einfach nicht ausgetauscht worden.
Zum Beispiel bei der Eingangstüre zur Restaurierwerkstatt der Gemäldegalerie
ist der Melder wochenlang ausgeschaltet worden, weil er kaputt war. Das
Sicherheitspersonal hat auf das reagiert. Wir hatten ein Nachtdienstbuch, da
wurde das alles eingetragen und das hat der Sicherheitschef auch bekommen.
Aber wenn dann nichts passiert, können wir auch nichts dafür.
CHiLLi: Also sie haben auf die Mängel hingewiesen?
Erwin Plank: Wir haben immer darauf hingewiesen, dass wieder etwas kaputt
ist. Und immer hieß es, nächste Woche würde das repariert werden. Das ging
dann so über Wochen.
CHiLLi: Wie war es in der Kunstkammer, wo die Saliera ihren ursprünglichen
Platz hatte?
Erwin Plank: Die war eigentlich relativ ruhig. Der erste Stock, die
Gemäldegalerie war das Hauptproblem. In der Kunstkammer war sie auch sicher.
Dort gab es eine Alarmanlage, wenn diese ausgelöst wurde, sind Metallrollos
bei den Fenstern heruntergefahren. Also, sie war dort auf jeden Fall
sicherer. In der Gemäldegalerie stand sie in einem Randkabinett. Wenn die
Saliera jetzt dort hinaufkommt, wäre es die Aufgabe des Sicherheitschefs
gewesen, es nachträglich zu sichern. Man hätte nachträglich Melder einbauen
können, das ist bewiesen. Bei einem anderem Problemfall in der Kuppelhalle
dort hätte man auch hineingehen können, weil dort auch ein Gerüst war ist
das auch nachträglich passiert.
CHiLLi: Bei einem Gespräch mit der Sprecherin des KHM wurde uns aber genau
das Gegenteil gesagt, nämlich dass die Sicherheitsvorkehrungen in der
Kunstkammer nicht mehr ausreichend waren und in der Gemäldegalerie sogar
besser waren
Erwin Plank: Die Alarmanlage im Hochparterre, also auch in der Kunstkammer,
war wie gesagt relativ gut. Das habe ich auch schon am Beispiel der
Metallrollos dargelegt. In der Gemäldegalerie im ersten Stock sind zwar die
Melder da, aber keine eigene Fenstersicherung. Durch das Gerüst konnte man
also oben schneller und leichter hinein.
CHiLLi: Die Saliera hätte also nicht im Saal Vier der Gemäldegalerie stehen
dürfen?
Erwin Plank: Sie hätte in einen Saal irgendwo in der Mitte stehen müssen.
Dann hätte der Täter einen viel weiteren Weg gehabt, hätte viel mehr Alarme
auslösen müssen. Und wenn dann wirklich so ein Dominoeffekt kommt, dann wird
man nervös.
CHiLLi: Also der grundsätzliche Fehler lag schon darin, die Saliera
überhaupt dorthin zu stellen?
Erwin Plank: Ich glaube, dass das Ganze an der Kommunikation gelegen ist.
Man muss ja einmal zum Sicherheitschef sagen, dass die Saliera dort hinauf
kommt und dann gemeinsam überlegen, was man machen kann. Der hätte sich das
dann anschauen müssen und sagen, was noch eingebaut werden muss. Das wäre ja
möglich gewesen. Man hat den Mang ja fast dazu animiert. Wie der da
durchgegangen ist und sich das angeschaut hat, hat der sofort gesehen, dass
da nichts extra gesichert ist.
CHiLLi: Auch wenn sie sofort nach dem Alarm in die Gemäldegalerie gelaufen
wären, wäre es sich ausgegangen, den Dieb noch zu erwischen?
Erwin Plank: Die Sicherheitszentrale war im Erdgeschoss auf der anderen
Seite, es wäre sich in zwei Minuten nicht ausgegangen, das hat die Polizei
auch nachgeprüft. Das geht einfach nicht. Man muss zuerst das Licht
einschalten, dann die Kameras einschalten. In den vier Jahren die ich im
Museum gearbeitet habe, habe ich es fünf oder sechs Mal miterlebt, dass das
gemacht wurde. Ich hätte zuerst das Licht anschalten müssen, von meinem
Platz aufstehen und die Kameras aufdrehen. Dann hätte ich mir das Ganze auf
den Kameras suchen müssen. Robert Mang hat aber für das Ganze ungefähr eine
Minute gebraucht. Wir hätten ihn nicht gesehen.
Will nur ein normales Leben
Erwin Plank über voraussagbare Alarme und seinen Wunsch für die Zukunft
Auf Mängel wurde immer wieder hingewiesen , so Plank
Schüssel hat zugesehen und nichts getan , beklagt Plank
CHiLLi: Warum haben sie diesen ganzen Ablauf nicht durchgespielt?
Erwin Plank: Wir waren ja, wie gesagt, zu dritt dort. Aber auch die beiden
Kollegen haben nicht gesagt, dass wir nachschauen sollten. Warum? Weil man
das Ganze gekannt hat. In der Mitte, wo die Saliera gestanden ist, ist der
Alarm losgegangen, was ist mit den ganzen anderen Alarmen? Warum geht von
drei Alarmen nur einer los? Es gab ja auch noch die Bilderhängeschiene in
dem Kabinett, die ist schon aktiviert worden, wenn man schnell und fest
aufgetreten ist. Der Mang muss da ja irrsinnig schnell hinein gesprungen
sein. Dabei hätte er eigentlich auch die Bilderhängeschiene auslösen müssen.
Es ist nur ein Alarm gekommen und das war es. Das war aber nicht das erste
Mal, dass ein Alarm gekommen ist, wir hatten tagtäglich Fehlalarme. Und wie
schon gesagt: voraussagbare Alarme. Oft ist sofort ein Alarm gekommen, wenn
ich die Anlage eingeschaltet habe. Über diese Fehlalarme wurde Buch geführt.
Aber die Sicherheits-Abteilung hat nichts gemacht.
CHiLLi: Ihrer Meinung nach ist der Sicherheitschef verantwortlich?
Erwin Plank: Ich sage ihnen ein Beispiel, das ist belegbar durch den
Gerichtsakt: Eine Woche nach dem Salieraraub haben sie im KHM in einer Nacht
sieben Fehlalarme gehabt. Der Kollege ist darauf hin nervös geworden und hat
über einen Alarmknopf die Polizei gerufen. Die ist dann gekommen, hat sich
das angeschaut, es war aber ein Fehlalarm. Danach leuchtete auf dem Knopf
ein rotes Lämpchen. Der Kollege hat sich dann gefragt, was das ist, denn das
war das erste Mal, dass dieser Knopf gedrückt wurde. Der Sicherheitschef
wurde daraufhin verständigt, der hat zugesagt, sich das am nächsten Morgen
anzusehen, das hat er aber nicht gemacht.
Am nächsten Tag bekam die Sicherheitszentrale dann einen Anruf, dass diese
Leitung blockiert ist und ein Alarm ansteht. Das Ganze hätte zurückgesetzt
werden müssen, damit die Leitung wieder frei ist. Über mindesten fünfzehn
bis zwanzig Stunden ist die Leitung besetzt gewesen, zu dieser Zeit wäre gar
kein Alarm durchgekommen. Darüber wurde auch ein Bericht geschrieben, der an
den Betriebsrat weitergegeben wurde. Das ist die Arbeitsweise vom
Sicherheitschef. Aber gerade der hat mir vorgeworfen, dass ich einen Fehler
gemacht hätte.
CHiLLi: Warum sind dann nur sie gekündigt worden?
Erwin Plank: Mir wurde der Vorwurf gemacht, ich hätte den Alarm ignoriert,
ich bin aber nicht alleine dort gesessen. Wenn nur einer gesagt hätte, dass
da was nicht stimmt, dann hätten wir reagiert. Das ist aber nicht passiert.
Es war einfach nichts Ungewöhnliches und das war das Problem. Das Personal
von der Sicherheitszentrale hat ständig auf die Mängel hingewiesen. Dass auf
uns nicht reagiert wurde, dafür können wir nichts.
Anhand von den ganzen Mängeln hat man sich denken können, dass das
irgendwann einmal etwas passiert. Dass das dann aber so ausartet und man
dann auch so verarscht wird, nicht nur von Seiten der Geschäftsleitung des
KHM, sondern auch von der Polizei, von der Ministerin Geher, und dass der
liebe Herr Doktor Schüssel bei dem Ganzen zuschaut, das hätte ich nicht
gedacht.
CHiLLi: Sie waren also eine Art Sündenbock?
Erwin Plank: Ich bin ja anfangs nicht gekündigt worden, ich hätte versetzt
werden sollen. Das wollte ich nicht, da ich keinen Fehler gemacht habe. Es
ist ja nicht auf meinem Mist gewachsen, dass man beim ersten Alarm wartet.
Ich hab mich dann einvernehmlich geeinigt, dass das Dienstverhältnis unter
diesen Umständen aufgelöst wird, zwei Tage später lese ich in der Kronen
Zeitung, dass ich gekündigt wurde. Alles was ich zu dem Thema gesagt habe,
wurde dann als Schutzbehauptung dargestellt. Aber im Gerichtsakt zum
Salierafall werden all meine Aussagen bestätigt.
CHiLLi: Gab es eine Weisung, so vorzugehen?
Erwin Plank: Eine Weisung direkt hat es nicht gegeben. Aber: Wenn ein neuer
Mitarbeiter in die Sicherheitszentrale kam, der es nicht beherrschte, die
Alarme wegzudrücken, dann ist er dort nicht geblieben. Das war das Erste,
was mit einem Neuen geübt wurde. Alarme wegdrücken, das ist das Wichtigste.
CHiLLi: Gegen sie wurde nach dem Raub auch ermittelt?
Erwin Plank: Was man mich zwei Monate lang gequält hat, das ist eine
Frechheit. Aber nicht die ermittelnden Polizisten waren die Bösen, sondern
die von oben. Ich wurde verfolgt, observiert, mein Telefon wurde abgehört.
Gegen mich wurde Strafanzeige erstattet, die Kriminaldirektion Eins hat dann
ermittelt. Das wurde dann an das Gericht weitergeleitet. Nach zwei Monaten
ist meine Suspendierung aufgehoben worden, weil keine triftigen Gründe
vorhanden waren.
Dennoch wurde das Ganze noch sechzehn Monate in die Länge gezogen, obwohl
nach zwei Monaten die Ermittlungen gegen mich vorbei waren. In dieser Zeit
konnte ich mich bei keiner Sicherheitsfirma bewerben, da ja noch immer eine
Anzeige gegen mich offen war. Es gibt in Österreich offensichtlich keine
Gerechtigkeit. Die Justiz arbeitete in meinem Fall mies. Die
Geschäftsleitung des Museums, Frau Gehrer und Herr Schüssel schauen dabei zu
und unternehmen nichts. Ich habe dem ÖVP-Klub einmal eine E-Mail
geschrieben, die wurde ungeöffnet gelöscht, das weiß ich, weil ich bei
meinen Nachrichten eine automatische Meldung bei so etwas bekomme. Ich bin
soweit, dass ich meine Staatsbürgerschaft am liebsten zurücklegen und
auswandern würde. Ich schäme mich nicht für das Land für Leute, die so
etwas machen können.
CHiLLi: Was wünschen sie sich für die Zukunft?
Erwin Plank: Ich will einfach wieder ein normales Leben führen können. Das
wird mir aber nicht vergönnt. Ich bin finanziell komplett ruiniert. Bis
heute habe ich keinen Job mehr gefunden. Ich bewerbe mich irgendwo, die
sehen in meinem Lebenslauf KHM und ich kann gehen. Es gibt nur ganz wenige
Menschen, die mir helfen wollen. Einmal habe ich ein Foto gesehen, auf dem
Bundeskanzler Schüssel die Krone liest, auf der groß zu lesen ist: Die
Saliera hat mein Leben zerstört. Er weiß, was geschehen ist, unternimmt
aber nichts. Ich wäre niemals an die Medien gegangen, wenn man mich anders
behandelt hätte.
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