[MSN] Ende eines kulturellen Exils. Das Afghanistan-Museum wird von Bubendorf nach Kabul ziehen.
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Mon Oct 16 09:53:12 CEST 2006
16. Oktober 2006, Neue Zürcher Zeitung
Ende eines kulturellen Exils
Das Afghanistan-Museum wird von Bubendorf nach Kabul ziehen
Das «Afghanistan-Museum im Exil» hat in Bubendorf seine Türen
geschlossen. Seine kulturgeschichtliche Sammlung wird im Frühjahr, wie
stets beabsichtigt, nach Kabul übergeführt werden.
C. W. Es handle sich um die umfangreichste Repatriierung von
Kulturgütern, seit die im Spanischen Bürgerkrieg nach Genf
ausgelagerten Museumsstücke aus dem Prado nach Madrid zurückgekehrt
seien, sagt Paul Bucherer, der Leiter des Afghanistan-Museums in
Bubendorf im Kanton Baselland. Es ist jedenfalls so aussergewöhnlich
wie erfreulich, dass rund 1300 Afghanica aus aller Welt in einigen
Monaten ihrem Ursprungsland zurückgegeben werden sollen. Die für das
«Museum auf Zeit» verantwortliche Stiftung erfüllt damit einen Wunsch
der Regierung in Kabul, dem die Unesco zugestimmt hat.
Die Idee eines Exilmuseums, wo afghanische Kulturschätze während der
kriegerischen Wirren vor Zerstörung und Plünderung geschützt werden
könnten, war 1998 von Seiten der Kriegsparteien, namentlich der
Taliban und der Nordallianz, an den Afghanistan-Kenner und -Freund
Paul Bucherer herangetragen worden. Im Oktober 2000 wurde das mit
einem Schutzraum ausgestattete Museum in Bubendorf eröffnet. Die
ursprüngliche Absicht, dort insbesondere Museumsobjekte aus Kabul in
Sicherheit zu bringen, scheiterte dann aber an dem internationalen
Übereinkommen, das den Transfer von Kulturgütern regelt.
Indessen erhielt das Museum, das keine Käufe tätigte, zahlreiche
Schenkungen von Sammlern und anderen Privatpersonen aus der Schweiz
und diversen weiteren Ländern - alles mit der Zweckbestimmung einer
späteren «Rückgabe» an das Nationalmuseum in Kabul. Dass etliche
dieser Objekte letztlich illegaler Herkunft waren - es gingen auch
anonyme Sendungen ein -, lässt die Restitution um so positiver
erscheinen. Die Inventarisierung sollte nun einen gewissen Schutz
gegen Diebstahl bieten.
Bucherer findet es heute wichtiger, dass Gegenstände der Alltagskultur
der jüngeren Vergangenheit bewahrt werden konnten, als dass sich in
der Schweiz buddhistische Kunstwerke aus einem Land, in dem keine
Buddhisten mehr leben, angehäuft hätten. Zu den Beständen des Museums
gehören allerdings neben Kunsthandwerk, Einrichtungs- und
Gebrauchsgegenständen wie Kleidern, Schmuck, Öllampen und Gefässen
auch historische Gegenstände wie das Zepter des Eisernen Emirs vom
Ende des 19. Jahrhunderts und archäologische Zeugnisse der Geschichte
bis in frühe Zeiten zurück. Eine besondere Kostbarkeit ist ein
bronzener Phallus, den Alexander der Grosse in den Grundstein von Ai
Khanoum (in der Region Kunduz) gesteckt haben soll. Illegal
ausgegraben, wurde er von einem Talib im Jahr 2000 als Gastgeschenk
nach Bubendorf gebracht. Ein Zeugnis ganz anderer Art ist ein Teppich
mit Helikopter- Motiven aus der Zeit der sowjetischen Besetzung.
Die Intervention der USA nach dem 11. September 2001 hat die
Repatriierung des Museums, mit der man erst nach etwa 20 Jahren
gerechnet hatte, rascher in die Nähe gerückt. Zweifel, ob die
Sicherheit schon genüge, kamen natürlich auch an der Finissage am
Samstag zur Sprache. Afghanistan sei nie ein ruhiges Land gewesen,
sagte Bucherer dazu. Das Bild der Lage in Kabul werde zudem von Medien
und Sicherheitsfirmen negativ verfälscht. Die geplante Aktion sei
ihrerseits ein Beitrag zur Normalisierung. Als Faktor der Versöhnung
und der gemeinsamen Identitätsfindung in Afghanistan würdigte der
Unesco-Vertreter Laurent Lévy-Strauss das Unterfangen. An der
Veranstaltung beteiligten sich auch Prinz Mirwais Zaher, Präsident der
Kommission für den Schutz des afghanischen kulturellen Erbes, und
schweizerische Behördenvertreter. Der Bund und vor allem der Kanton
hatten das privat getragene Museum unterstützt. In Bubendorf bleiben
wird das ebenfalls einzigartige Afghanistan-Archiv mit Quellen,
Bilddokumenten und einer umfassenden Fachbibliothek.
http://www.nzz.ch/
--
Ton Cremers
http://www.museum-security.org/
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