[MSN] Bleiben Kirchen künftig verschlossen? In der Vorweihnachtszeit beginnen sich Kunstdiebstähle aus Gotteshäusern wieder zu mehren.
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Wed Nov 29 13:12:49 CET 2006
Bleiben Kirchen künftig verschlossen?
VON ROBERT BENEDIKT (Die Presse) 29.11.2006
In der Vorweihnachtszeit beginnen sich Kunstdiebstähle aus Gotteshäusern
wieder zu mehren. In Kärnten werden Heiligenfiguren mit Gittern geschützt -
Pfarrer kennen oft die Schätze ihrer Kirchen nicht.
Innsbruck/Klagenfurt. Die Kriminalisten wissen Bescheid: In der
Vorweihnachtszeit steigt die Zahl der Kunstdiebstähle aus den heimischen
Kirchen an. Offensichtlich erfreuen sich in gewissen Kreisen barocke
Kunstwerke sakraler Herkunft großer Beliebtheit.
So haben in jüngster Zeit bisher noch unbekannte Täter aus der
Schutzengel-Kirche im Osttiroler Iselsberg eine aus dem 19. Jahrhundert
stammende Engelsfigur gestohlen. Auch aus den Pfarrkirchen in Schönberg
(Nordtirol) und Matrei in Osttirol wurden Engelsfiguren und eine barocke
Heiligenfigur entwendet. Der Wert der in Schönberg gestohlenen Engel wird
auf 10.000 bis 15.000 Euro geschätzt, die Heiligenfigur aus Matrei dürfte
mehr als 10.000 Euro wert sein.
Horst Juritsch, Spezialist für Kunstdiebstahl bei der Kärntner
Kriminalpolizei, glaubt, dass es sich bei den meisten Kunstdiebstählen im
sakralen Bereich um Auftrags-"Arbeiten" handelt. Denn: "Was soll denn ein
kleiner Gauner mit einer Heiligenfigur anfangen?"
In zunehmendem Maße werden die Barockengel oder geschnitzten Heiligenfiguren
auch im Internet zur Versteigerung angeboten. Um das wertvolle Kulturgut vor
dem Zugriff der Kriminellen zu schützen, ist Prävention geboten. Dabei gilt
es jedoch, eine Gratwanderung zu bewältigen, wie Eduard Mahlknecht,
Konservator der Diözese Gurk-Klagenfurt, betont: "Die meisten Pfarrer
wünschen sich, dass ihre Kirche Gläubigen zum Gebiet oder
Kunstinteressierten zur Besichtigung offen stehen."
Um die Kunstwerke vor unberechtigtem Zugriff zu schützen, wäre es jedoch das
Beste, die Gotteshäuser zu versperren. Um beide Anliegen - Schutz und
Begehbarkeit der Kirchen - unter einen Hut zu bringen, hat man sich in
Kärnten zwei Lösungsansätze ausgedacht: In großen Kirchen wird unter der
Empore ein Gitter eingebaut, das den vorderen Kirchenraum und den
Eingangsbereich voneinander trennt. Das ermöglicht Gläubigen den Aufenthalt
im Gotteshaus, verwehrt allfälligen Dieben jedoch den Zugang zu Engels- und
Heiligenfiguren.
In kleinen Kirchen und Kapellen ist man dazu übergegangen, Guckfenster in
die Türen zu schneiden. So bleibt der Blick in das Kircheninnere nicht
verwehrt, die Kunstgegenstände im Sakralbau allerdings vor fremdem Zugriff
geschützt. Um dem Kunstdiebstahl aus Kirchen vorzubeugen und die
Ausforschung von sakralem Diebsgut zu erleichtern, sind etwa in Kärnten rund
90 Prozent der 1013 Kirchen und Kapellen fotografisch erfasst.
Daher kann die Kirche bei einem Diebstahl der Kriminalpolizei sofort
digitale Fotos der entwendeten Figuren zur Verfügung stellen, was die
Ermittlungen erheblich erleichtert. Diese fotografische Erfassung ist auch
deshalb notwendig, weil viele Pfarrer die künstlerische Ausstattung ihrer
Kirchen gar nicht im Detail kennen. Diözesankonservator Mahlknecht: "Das ist
kein Wunder, wenn man weiß, dass ein Pfarrer heutzutage im Durchschnitt drei
Pfarren und sieben Kirchen zu betreuen hat."
Deshalb hat die Diözese die Bewohner am Land aufgefordert, auf "ihre" Kirche
zu achten und entweder die Diözese oder die Polizei zu benachrichtigen, wenn
sich rund um das Gotteshaus Verdächtiges tut oder in der Kirche gar ein
Barockengel oder eine Heiligenfigur fehlen sollten.
In Ostösterreich setzt die Kirche ebenfalls auf wachsame "Schäfchen". Erich
Leitenberger von der Erzdiözese Wien: "Auch wir vertrauen auf Personen, die
oft Kirchen aufsuchen oder gleich daneben wohnen." Diebstähle aus Kirchen im
Gebiet der Erzdiözese seien derzeit nicht steigend. Zwei Kirchen - eine in
Wien-Neubau und eine im Weinviertel - sind mit besonderen
Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Versperrte Kirchen sind kein Thema -
"die will wirklich niemand", meint Leitenberger.
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