[CPProt.net] Book review: NS-Kunstraub in Österreich
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Thu Oct 27 06:58:22 CEST 2005
NS-Kunstraub in Österreich
Ein Überblick Das Buch von Gabriele Anderl und Alexandra Caruso ist ein
Sittenbild, das bei der Lektüre dieses Sammelbandes entsteht; ein Bild von
Habgier und Skrupellosigkeit, die auch noch nach 1945 den Umgang mit den
beraubten Opfern prägten.
Im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt beispielsweise immer noch eine
Tafel, auf der einigen Donatoren für "Förderung und Vermehrung seiner
Bestände" gedankt wird. Unter den Namen fänden sich einige, die nach 1945
genötigt worden seien, das Museum zu beschenken, um andere Kunstwerke
ausführen zu können, schreibt der Journalist und Verleger Hubertus Czernin
in seiner Einleitung. Czernin hat ja als einer der ersten mit seiner
"Bibliothek des Raubes" das Thema Kunstraub in Österreich aufgegriffen.
"Gutgläubiger Erwerb" schädigt die Opfer
Mehrere Beiträge dieses Buches befassen sich mit der komplizierten
Rückstellungsgesetzgebung und -praxis, vor allem mit dem höchst
problematischen 3. Rückstellungsgesetz, das den Begriff des "gutgläubigen
Erwerbs" einführte, wogegen die Geschädigten in den seltensten Fällen den
Gegenbeweis antreten konnten. Insgesamt hatten es die Opfer nach 1945 extrem
schwierig, das ihnen Geraubte zurückzubekommen.
Spät, erst 1998, nach dem Skandal um die in den USA beschlagnahmten
Klimt-Bilder aus der Sammlung Leopold, hat man in Österreich damit begonnen,
sich mit dem Kunstraub während der NS-Zeit und dem Vorgehen danach
systematisch zu befassen. In diesem Jahr erst wurde das Kunstrückgabegesetz
beschlossen. Jede Menge Profiteure
In Österreich setzte unmittelbar nach dem so genannten Anschluss 1938 die
Systematik der Beraubung ein. Privatleute drangen in die Wohnungen ihrer
Nachbarn ein, lokale Museen bemühten sich sofort, Zugriff auf begehrte
Kunstobjekte und jüdische Sammlungen zu bekommen. Involviert waren Bundes-
und Ländermuseen, Kunsthandel und Kunsthändler und das Wiener Dorotheum.
Insgesamt gab es eine ganze Reihe von Profiteuren.
Die "Erwerbungen" von Raubkunst durch staatliche und lokale Museen sowie
deren Haltung zu Rückstellung und Restitution nach 1945 wird in diversen
Beiträgen im Buch detailliert und höchst informativ geschildert.
Claudia Sporer-Heis zum Beispiel befasst sich mit der Restitution jüdischen
Eigentums am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, wo seit 1998
Provenienzforschung betrieben wird. Martin Kofler schreibt über die
hochinteressante Geschichte der Albin-Egger-Lienz-Sammlung im Museum der
Stadt Lienz Schloss Bruck. Sein Fazit: Ohne die spezifischen Umstände der
NS-Zeit wäre der Aufbau der Egger-Lienz-Sammlung in Osttirol undenkbar
gewesen. Dubiose Ankäufe
Monika Mayer stellt in ihrer Auseinandersetzung mit der Österreichischen
Galerie zwischen 1938 und 1945 den damaligen Direktor Bruno Grimschitz in
den Mittelpunkt, den Hubertus Czernin einmal als den "Hauptakteur bei der
Arisierung der Wiener Kunstsammlungen" charakterisiert hat. Während seiner
Zeit kamen - nebst vielen anderen Kunstwerken - übrigens auch die
Klimt-Gemälde "Adele Bloch-Bauer I", "Adele Bloch-Bauer II" sowie "Apfelbaum
I" in die Österreichische Galerie.
Weitere Kapitel widmen sich dem komplizierten Thema des Kunsthandels und der
höchst zweifelhaften Rolle des Dorotheums (siehe auch der "Fall Whiteman");
beleuchtet werden auch die Aktivitäten einzelner Kunsthändler während der
NS-Zeit wie etwa jene des Salzburger Galeristen Friedrich Welz, die Gert
Kerschbaumer aufgearbeitet hat. Spannend zu lesen
Insgesamt liegt hier ein Buch vor, das sich trotz der komplizierten Materie
überaus spannend liest und immer wieder zu ungläubigem Staunen führt. Auch
wenn viele Teilbereiche - wie etwa die Rolle der Gestapo beim Kunstraub -
weiterhin unerforscht sind, so ist dieses wichtige Buch doch eine erste
umfassende Darstellung. Bleibt nur zu hoffen, dass sich für weitergehende
Forschungen zu diesem Thema auch Geldgeber finden mögen. Text: Judith
Brandner
Mehr zum "Fall Whiteman" in oe1.ORF.at
Buch-Tipp
Gabriele Anderl, Alexandra Caruso, "NS-Kunstraub in Österreich und seine
Folgen", Studien Verlag, ISBN 3706519569
http://oe1.orf.at/
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