[CPProt.net] Book review: WW.II and looted art in Austria: Österreich und der NS-Kunstraub
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Sat Nov 12 07:53:31 CET 2005
NS-Kunstraub:
Mit Brechreiz ist zu rechnen
VON MURRAY G. HALL (Spectrum) 12.11.2005
Neue Ergebnisse: Österreich und der NS-Kunstraub.
Das "Kunstrückgabegesetz" von 1998 hat - wie die jährlichen Berichte des Bundes zeigen - im Sinne einer partiellen posthumen Gerechtigkeit bereits viel Positives bewirkt, obwohl mangelnde "PR-Tätigkeit" des Restitutionsbeirates immer wieder bemängelt wird. Der vorliegende Sammelband zeigt, dass im Bereich der Forschung und Publizistik doch etwas geschieht. Eine jüngere Forschergeneration, teilweise an Projekten der Historikerkommission beteiligt, kommt hier zu neuen Detailergebnissen.
Zum geplanten "Schwerpunkt Dorotheum" ist es in diesem Sammelband leider nicht gekommen, wie die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung auch ausführlich festhalten. Es gibt kaum eine österreichische Institution von solchem Renommee, deren wesentliche Rolle im NS-Kunstraub einer Aufarbeitung mehr bedürfte als das Dorotheum. Angekündigte Berichte sind nicht eingelangt.
Nicht nachvollziehbar ist jedenfalls die Begründung für die mangelnde Kooperation seitens des Hauses, das vielleicht "Abwehrkampf" mit "Provenienzforschung" verwechselt. Das Dorotheum hätte, so die Einleitung, sich bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemüht, "sich einer gründlichen Untersuchung zu entziehen". Und daran scheint sich nichts geändert zu haben. Trotz dieses Mankos wird der Leser durch eine Palette von 18 interessanten und fachkundigen Beiträgen entschädigt, die tatsächlich Neues bieten beziehungsweise in Einzeldarstellungen unser Wissen über handelnde Personen, geraubte Sammlungen und deren Besitzer, Institutionen, die am NS-Kunstraub (und den "Folgen") maßgeblich beteiligt waren, vertiefen.
Das beginnt mit einem Überblick Birgit Kirchmayrs über Hitlers "Sonderauftrag Linz", setzt sich fort mit Gottfried Fliedls Auseinandersetzung mit der Museums- und Ausstellungspolitik in der NS-Zeit und Sabine Loitfellners Untersuchung der Rolle der "Vugesta", der Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Geheimen Staatspolizei. Wer Michael Wladikas Bericht über den Wiener Arzt, Dr. Viktor Blum, und dessen Enteignung in der NS-Zeit (acht gotische Bildtafeln) liest und die "Behandlung", die dem Holocaust-Überlebenden nach dem Krieg durch das Bundesdenkmalamt zuteil wurde, braucht ein Mittel gegen Brechreiz.
Dieser Fall, in dem Otto Demus eine unrühmliche Rolle spielte, zeigt wieder einmal die personelle Kontinuität im Übergang vom NS-Staat zur Zweiten Republik. Wer jüdisches Raubgut zwischen 1938 und 1945 für die Nazis sicherte und verwaltete, tat das Gleiche nach dem Krieg "im Interesse" Österreichs. Obwohl die Rolle Walter Frodls im Beitrag über "Albin Egger-Lienz und Osttirol" (Martin Kofler) in einigen Details behandelt wird, wäre eine eingehende Darstellung der Tätigkeit Frodls als Gaukonservator zwischen 1938 und 1945 durchaus wünschenswert gewesen.
Alles in allem handelt es sich hier um spannende, wenn auch nicht gerade erfreuliche Lektüre. Vielleicht als wichtigste Erkenntnis geht aus den Beiträgen in diesem Band hervor, dass Österreich am NS-Kunstraub - mengen- wie auch personalmäßig - in größerem Ausmaße beteiligt war, als bisher angenommen. Sie mögen als Ausgangspunkt für weiter gehende Recherchen dienen.
Gabriele Anderl, Alexandra Caruso (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen. 314 S., brosch., € 33 (StudienVerlag, Innsbruck)
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