[CPProt.net] Archäologen beklagen Millionenverluste:Raubgräber vergreifen sich an fremden Schätzen, auch in Deutschland
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Tue May 31 23:36:59 CEST 2005
Wenn von der nackten Maja nur der Kopf bleibt
Archäologen beklagen Millionenverluste:Raubgräber vergreifen sich an fremden
Schätzen, auch in Deutschland
Von Dieter Kapff
Die Bilder sind um die Welt gegangen: Im Irak werden Museen geplündert,
Scharen von Raubgräbern hinterlassen Kraterlandschaften an den Fundorten
früher Hochkulturen. In Deutschland haben Kulturraub und Raubgräberei noch
nicht dieses Ausmaß angenommen, doch die Hemmschwellen sind auch hier
gesunken. Die steigende Tendenz bei diesen Delikten beunruhigt die
Landesarchäologen in der Bundesrepublik.
Bei ihrer Jahresversammlung in Treis-Karden an der Mosel haben die
Mitglieder des Verbands der Landesarchäologen ihr Kolloquium dem Thema "Wer
stiehlt unsere Vergangenheit?" gewidmet. Der Verbandsvorsitzende Jürgen
Kunow (Bonn) zeigte sich besorgt über die Zunahme der Raubgräberei, die vor
allem mit Metallsuchgeräten betrieben wird. Der Handel mit illegalen
Antiquitäten nehme inzwischen den dritten Rang hinter dem Drogen- und dem
Waffenhandel ein. Der angerichtete Schaden ist enorm. Allein in
Baden-Württemberg schätzt man, dass in den vergangenen Jahren archäologische
Funde im Wert von mehreren Millionen Euro illegal ausgebuddelt und verkauft
worden sind. Und dabei ist Südwestdeutschland noch glimpflich weggekommen.
Andere Länder, wo die Gesetzeslage ungünstiger ist, hat es noch schlimmer
getroffen. Der materielle Wert der Objekte ist aber nur die eine Seite - und
für die Archäologen nicht einmal die wichtigste. Denn auch der tollste Fund,
den ein Raubgräber mit der Sonde entdeckt und dann mit dem Klappspaten aus
dem Erdreich holt, hat damit fast seinen ganzen wissenschaftlichen Wert
verloren.
Denn anders als bei einer wissenschaftlichen Ausgrabung bleiben die genauen
Fundumstände, Bodenverfärbungen, Begleitobjekte unbekannt und zerstört. Sie
aber erst ermöglichen es dem Experten, das Objekt zeitlich und inhaltlich
einzuordnen, seine Bedeutung abzuschätzen. Nicht der "schöne", sondern der
aussagekräftige Fund steht im Mittelpunkt. Henning Hassmann (Hannover)
vergleicht dies mit Goyas Gemälde der nackten Maja, bei dem nur der Kopf der
Frau herausgeschnitten und der Rest der Leinwand zerstört würde. Kein
Kunsthistoriker könnte dann mehr die Bedeutung des Gemäldes erkennen.
Erst allmählich begreifen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte, dass es
sich bei der Raubgräberei keineswegs um ein harmloses Kavaliersdelikt
handelt. Außer in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen gilt das so
genannte Schatzregal, das bestimmt, dass alle archäologischen Funde mit
ihrer Entdeckung in das Eigentum des Landes übergehen. Wer sie nicht
abliefert, begeht Diebstahl oder Unterschlagung, macht sich bei der
Weitergabe der Hehlerei schuldig und kann wegen der Zerstörung des
Fundplatzes auch wegen Sachbeschädigung verurteilt werden.
Inzwischen gibt es beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg ein
Sonderdezernat Kunst und Antiquitäten und beim hessischen eine Arbeitsgruppe
Raubgrabung. Die Kripobeamten aus Stuttgart und Usingen schätzen den harten
Kern der Sondengänger auf 500 bis 1000 Personen, wozu noch viele
"Hobbyarchäologen" kommen. Deren Motive sind unterschiedlich. Da gibt es
Archäologiebegeisterte, Enthusiasten und leidenschaftliche Sammler,
Abenteurer, die den ultimativen Kick suchen, und Menschen mit "Suchsucht",
Krankhafte und Unbelehrbare, denen jegliches Schuldbewusstsein fehlt. Aber
eben auch die Profis, zumeist "aus sozial niederem Bereich", Arbeitslose und
Rentner, die viel Zeit, aber wenig Geld haben, und die die Raubgräberei aus
Profitstreben betreiben. Nach neueren Erkenntnissen gibt es auch
Verbindungen zur rechten Szene.
Die Denkmalschützer in der Bundesrepublik wenden sich nun an die
Öffentlichkeit, um Bürgern und Behörden das Problem bewußt zu machen. Es
geht um den Besitz der Gemeinschaft, der von Einzelnen zu ihrem eigenen
Vorteil verschleudert wird. Gedacht ist unter anderem an ein Austrocknen des
illegalen Marktes. Der Jurist Ernst-Rainer Hönes (Mainz) geißelte, dass sich
der Staat zum "Zuhälter der Raubgräber" mache, wenn er weiter zulasse, dass
Museen (wie in Bayern und in Berlin) derartige Funde ankauften.
Aktualisiert: 31.05.2005, 06:17 Uhr
http://www.stuttgarter-zeitung.de/
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