[CPProt.net] Illegaler Antikentransfer? Gettys Kulturimperialismus
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Sat Jul 30 07:20:34 CEST 2005
Illegaler Antikentransfer?
Gettys Kulturimperialismus
Von Dirk Schümer, Venedig
29. Juli 2005 Mitte November wird in Rom ein Strafgerichtsprozeß eröffnet,
bei dem nicht nur eine Mitarbeiterin des kalifornischen Getty-Museums auf
der Anklagebank sitzt, sondern die amerikanische Kulturpolitik im ganzen -
oder, wie man früher gesagt hätte: der Kulturimperialismus. Italiens
Behörden wollen nämlich beweisen, daß die ehemalige Getty-Kuratorin Marion
True vor zehn Jahren rund vierzig antike Kunstwerke im Wert von rund zwanzig
Millionen Dollar angekauft hatte, obwohl diese offensichtlich aus
Raubgrabungen im Großraum Neapel stammten. Implizit heißt das: Ihr Museum
nahm den Raub billigend in Kauf.
Weil dies der erste Prozeß dieser Art ist, blickt nicht nur der
internationale Kunsthandel, sondern auch die Museumsszene gespannt nach Rom.
Die kriminelle Grauzone, in der sich vor allem der Handel mit antiken
Stücken immer schon bewegt, soll beleuchtet, der Sumpf trockengelegt werden.
Ob dieser "große internationale Krimi" - so der "Corriere della Sera" - vor
Gericht wirklich einen Abschluß finden kann, ist allerdings offen.
Schmuggel, Kunstraub, organisierte Kriminalität
Das berüchtigte Genfer Zollfreilager, in dem Tausende Kunstwerke ganz legal
bis zum Ablaufen von Fahndungen und Verjährungen schlummern und dabei von
Händlern und Interessenten aus aller Welt schon einmal besichtigt werden
können, geriet bereits nach den Plünderungen irakischer Fundstätten bei der
amerikanischen Invasion in die Medien. Ebendort, in Genf, wollen
italienische Fahnder nun den Nachweis gefunden haben, daß etruskische Vasen,
Trinkgefäße, ja Freskenreste aus dem pompejanischen Umkreis illegal vom
Getty-Museum angekauft wurden.
Sollte der sechste Strafgerichtshof in Rom das auch so sehen, kommen auf die
amerikanischen Museen bedeutende Restitutionsforderungen zu. Sowohl die
monumentale "Venus von Morgantina" aus einer innersizilianischen Grabung,
die derzeit im Getty von Los Angeles ausgestellt wird, als auch der
zugehör,ige Silberschatz im New Yorker Metropolitan Museum fallen nach
Ansicht der Staatsanwälte unter dieselben Delikte: Schmuggel, Kunstraub,
organisierte Kriminalität.
Es geht auch um einen atlantischen Moralgraben
Der Händler der morgantinischen Schätze wurde bereits in Italien zu zehn
Jahren Haft verurteilt, sein Schweizer Kollege Emanuel Robert Hecht, der die
römisch-etruskischen Ankäufe des Getty-Museums vermittelte, steht nun
gemeinsam mit Marion True in Rom vor Gericht. Zweihundert Zeugen sollen
klären, ob der Ankauf den juristischen Standards entsprach - oder ob man
bewußt in Kauf nahm, obskure Stücke nach einer Schonfrist in die glamouröse
Sammlung eines der reichsten Museen der Welt einzureihen.
Der zuständige Abteilungsleiter im italienischen Kulturministerium, Giuseppe
Proietti, deutet an, daß es hier auch um einen atlantischen Moralgraben
geht: "Wir wissen, daß Italien und die Vereinigten Staaten unterschiedliche
Betrachtungsweisen über Kulturgüter und ihre Eigentümer haben." Der Prozeß
kommt zu einem Zeitpunkt, da in Italien die Debatte über die laxe
amerikanische Achtung für die Souveränität alteuropäischer Länder hochkocht,
nachdem CIA-Agenten ohne Kenntnis der italienischen Behörden einen
verdächtigen Imam aus Mailand in den Nahen Osten entführten. Auch die
Erschießung des italienischen Geheimdienstmannes Calipari in Bagdad durch
amerikanische Soldaten hat das Ansehen der Vereinigten Staaten in Italien
stark beschädigt. Nun also auch noch transatlantischer Kunstraub?
Könnte nicht auch Bagdad die Amerikaner verklagen?
Der Kunstkrimi von Rom trifft die Ankäufer von der anderen Seite des
Atlantiks um so schmerzlicher, weil die italienische Lage durchaus mit der
irakischen vergleichbar ist: Beide Länder müssen bisher den Kunstraub wie
früher Kolonien die Raubzüge der Eroberer erdulden. Sind es in Sizilien oder
dem zunehmend in die Hände der Cosa Nostra abgleitenden Neapel organisierte
Verbrecher, die für ausländische Interessenten Grabungshorizonte eiskalt
zerstören und dabei Polizei wie Kunstbehörden bestechen und einschüchtern,
so ist die Situation im gesetzlosen Irak noch viel drastischer. Dort haben
nach dem Leerräumen der Museen längst Stammesgruppen die systematische
Plünderung der zuvor gutgesicherten Stätten übernommen; Archäologen befinden
sich hier nach dem amerikanischen Einmarsch in Lebensgefahr, während der
internationale Kunsthandel nach der Invasion ein "Goldenes Zeitalter" für
mesopotamische Schätze feiert. Könnte nach Rom nicht auch Bagdad die
Amerikaner verklagen?
Daß es ausgerechnet italienische Truppen sind, die diesen Feldzug auf dem
Gelände des antiken Babylon unterstützen, dabei aber wie alle
Invasionstruppen meist nur sich selbst, nicht aber die Archäologie
kontrollieren können, macht den Prozeß in Rom noch pikanter: Kann sich
Italien mit einem nationalen Prozeß überhaupt noch gegen die Ausräuberung
wehren? Oder hat auch hier die globalisierte Ökonomie die Macht über die
Güter übernommen?
http://www.faz.net/
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