[CPProt.net] Wir finanzieren die Raub-Archäologie im Irak; Warum es sich lohnt, das Kulturerbe des Abendlandes zu vernichten
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Tue Jan 25 19:51:22 CET 2005
Wir finanzieren die Raub-Archäologie im Irak
Warum es sich lohnt, das Kulturerbe des Abendlandes zu vernichten
Die Plünderung und Verwüstung des Nationalmuseums in Bagdad und die
Brandschatzung von Bibliotheken und Archiven, die durch die Untätigkeit der
Besatzungsmächte ermöglicht wurden, haben im April 2003 weltweite Empörung
ausgelöst. Eine noch weitaus größere Katastrophe, deren Ausmaß inzwischen
jede Vorstellungskraft sprengt, sind die jetzt im ganzen Land grassierenden
Raubgrabungen und die dadurch bewirkte Zerstörung archäologischer Stätten.
In Mesopotamien ist die erste Schrift erfunden worden, das erste Rad, die
Mathematik, die Astronomie, eine arbeitsteilige Gesellschaft. All das, was
aus unserer modernen Welt gar nicht mehr wegzudenken wäre: Hier liegen die
Wurzeln, und nur hier können die Ursprünge unserer Kultur erforscht werden.
Die aus Lehmziegeln errichteten Gebäude dieser Städte sind zwar zerfallen,
aber die Grundrisse sind im Boden erhalten. Die Straßen und Plätze, die
Stadtmauern, die Ruinen der Tempel, der Paläste der Reichen und der
Behausungen der einfachen Leute, die Handwerksbetriebe, Bibliotheken und
Verwaltungsarchive, Kunst und Alltagsgerät - all das, was die Menschen, die
dort einst lebten, erschaffen und zurückgelassen hatten, ließe sich von den
Archäologen entdecken. Die Ruinenplätze von Großstädten der "Wiege der
Zivilisation", die Jahrtausende nahezu unbeschadet überstanden hatten,
werden jetzt in industriellem Maßstab ausgeplündert und damit unwiderruflich
zerstört. Schutzmaßnahmen gibt es so gut wie keine.
Auf der Suche nach Schätzen wird die empfindliche Architektur mit tiefen
Raublöchern und Tunneln durchzogen, sodass die Rekonstruktion des
archäologischen Zusammenhanges nicht mehr möglich ist. Niemand weiß nach dem
Werk der Raubgräber, woher die Objekte stammen, und ihr Kontext, der für
ihre Interpretation und die Rekonstruktion untergegangener Kulturen
entscheidende Informationen liefert, ist für immer zerstört. Auf der Suche
nach verkaufbaren Objekten, die vielleicht nur ein Prozent des gesamten
archäologischen Bestandes ausmachen, werden bis zu hundert Prozent der
Informationen vernichtet.
Tag für Tag sind tausende Raubgräber am Werk und hinterlassen eine
Mondlandschaft. Die lokalen Händler fahren mit Lastwagen vor und
transportieren das Beutegut ab. Es gelangt dann in den internationalen
Antikenmarkt, der Milliardenumsätze macht und astronomische Gewinnspannen
erzielt, die inzwischen denjenigen aus dem Rauschgift- und Menschenhandel
den Rang ablaufen.
Die Wurzel des Übels liegt indessen nicht im Irak, wo hungernde Bauern mit
antiken Stücken ein paar Dollar verdienen können, sondern im florierenden
Antikenhandel. Ohne diesen Markt gäbe es keine Raubgrabungen. Jeder Euro,
der für solche Funde ausgegeben wird, fließt unmittelbar in neue
Raubgrabungen, in neue Zerstörung. Die Gier der Sammler, weit entfernt vom
Überlebenskampf der irakischen Bevölkerung, die Profite der Händler, das
internationale rechtliche Vakuum schaffen erst die Voraussetzungen für
dieses Desaster.
In Deutschland ist der Handel mit geraubtem irakischem Kulturgut völlig
legal, sofern nicht der Diebstahl eindeutig nachgewiesen werden kann. Dies
ist vielleicht bei gut dokumentierten Stücken aus Museumsbeständen möglich,
aber niemals bei unbekannten Objekten anonymer Herkunft. Während
Großbritannien und die Schweiz, früher Drehscheiben des legalisierten
Antikenschmuggels, inzwischen vorbildliche Schutzgesetze erlassen haben,
gehört Deutschland zu den Staaten, die die UNESCO-Resolution von 1970 (und
seine Ergänzung von 1995) zum Erhalt von nationalem Kulturgut nicht
ratifiziert haben.
Ein wirksamer Schutz des mesopotamischen Kulturerbes kann nur durch ein
generelles Ende dieses Handels erreicht werden. Erst wenn ein potenzieller
Raubgräber sicher ist, dass er für seine Funde kein Geld bekommt, wird er
den Anreiz für sein zerstörerisches Tun verlieren. Erst die Umkehr der
Beweispflicht, der obligatorische Nachweis des legalen Erwerbs, und wirksame
Strafmaßnahmen können die Finanzierung der Raubgrabungen unterbinden oder
zumindest erschweren.
Beim Artenschutz hat man dies konsequent getan - ein Elfenbeinobjekt
beispielsweise wird konfisziert. Diese klare Regelung hat Wirkung gezeigt:
Die vom Aussterben bedrohten Elefantenpopulationen konnten sich erholen.
Sollte das zum Schutz des Weltkulturerbes nicht auch möglich sein?
Walter Sommerfeld
Institutsleiter des Fachgebiets Altorientalistik an der Philipps-Universität
Marburg
Abenteuer Archäologie
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