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Einsame Ikonen
Das Museum von Mestia kämpft um den Erhalt seiner Kunstschätze
Von Carsten Probst

December 24, 2005

Georgien, das Land im Kaukasus an der Schwelle von Orient und Okzident,
blickt auf eine über 5000 Jahre alte Kultur zurück. Gerade in seiner langen
christlichen Tradition hat es immer wieder neue einflußreiche Kunstformen
hervorgebracht. Um diese Kunst zu bewahren, fehlen heute jedoch die Mittel,
den bedeutenden Sammlungen des Landes droht ein beispielloser Exodus des
kulturellen Erbes.

Das Museum von Mestia fällt auf. Es ist das mit Abstand modernste Gebäude in
der dreitausend Einwohner zählenden Bergmetropole, ein geschlossener
Betonbau, der so, wie er daliegt, auf einer Gerölllandschaft mitten im
kaukasischen Hochgebirge, selber aussieht wie ein riesiger geschliffener
Fels. Das Museum ist die Schatzkammer der Region Swanetien, einer
wildromantischen Grenzregion im Hochgebirge zwischen Georgien und der
Russischen Föderation. Die Swanen galten schon immer als besonders
unabhängig und zugleich als besonders geschäftstüchtig. Selbst zu Zeiten der
Sowjetunion, heißt es, wurden hier oben Sprache, Kultur und Bräuche
ungeniert weitergeführt, die eigentlich längst hätten "sowjetisiert", das
heißt abgeschafft werden sollen. Kaum jemand heutzutage hier oben auf dem
abgelegenen Hochplateau knapp 2000 Metern über dem Meer Bildschätze von
einzigartigem Wert. Doch Ciala Tschartolani, die Museumsdirektorin, belehrt
uns eines Besseren: 

Die swanetischen Könige waren immer sehr stark an neuen Formen von
Heiligendarstellungen interessiert. Nicht zuletzt deshalb galt Swanetien
lange Zeit als die Schatzkammer des gesamten Kaukasus. Die Swanen waren
wohlhabender als die anderen kaukasischen Bergvölker, sie konnten sich
kostbare Materialien und hervorragende Maler und Handwerker leisten. Deshalb
gab es hier sehr früh, bereits seit dem sechsten Jahrhundert, eine so große
Vielfalt an Bildformen, von kostbarsten Ikonen, Teppichen und Wandmalereien,
später auch Skulpturen und illuminierte Handschriften. Vieles von dem, das
Sie heute als alte georgische Kunst bewundern können, hat seine
ikonographischen Ursprünge in swanetischen Vorbildern.

Die Geschichte der Museumssammlung selbst reicht zurück in die Mitte der
dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Der gebürtige Georgier Stalin
führte einen ideologischen Feldzug gegen die uralten religiösen Wurzeln der
Region. Alle Formen von religiösem Ritus wurden verboten, Gotteshäuser
geschlossen, zerstört und geplündert, nicht allein die der
georgisch-orthodoxen Mehrheit, auch Moscheen und Synagogen und die kleinen
Kirchen von Minderheiten. Der Katholikos von Mestia versteckte
damalszahlreiche der ältesten Ikonen und anderen bedeutenden liturgischen
Schätze in der Kathedrale - bis er 1937 von sowjetischen Kommissaren
ermordet wurde. Ein bedeutender Teil der swanischen Kunst war zu dieser Zeit
bereits ins französische Exil gelangt und ist heute im Nationalmuseum von
Tbilissi zu sehen.
Viele andere Bildwerke wurden damals jedoch privat von swanetischen Bauern
versteckt und überdauerten so auch den Zweiten Weltkrieg. Erst in den
siebziger Jahren schlugen sowjetische Kunstwissenschaftler in Moskau Alarm,
drängten die Regierung, die Kunst der Swanen als Kulturgut zu bewahren.
Ciala Tschartolani wurde später zur Gründungsdirektorin berufen. 

Das Museum ist eine reine Staatsgründung. Privatpersonen, Kirchen oder
andere potentielle Geldgeber waren damals nie miteinbezogen, auch nach der
Eigenständigkeit Georgiens nicht. Heute ist die Lage natürlich eine andere.
Die Grundausstattung wird zwar nach wie vor vom Staat übernommen, das heißt
heutzutage von der Georgischen Regierung in Tbilissi, aber für alle
Maßnahmen, um die Schätze überhaupt vor dem Verfall zu bewahren, müssen wir
das Geld irgendwo anders auftreiben, wir sind auf Unterstützung und
Initiativen aus dem Ausland angewiesen, vor allem aus der Schweiz, aus
Holland und Deutschland. 

Offizielle Eröffnung des Museums von Mestia war das Jahr 2003 - nach sage
und schreibe zwanzigjähriger Bauzeit. Unter den extremen Bedingungen der
Bergwelt haperte es zu Sowjetzeiten immer wieder an Nachschub für
Baumaterial und Arbeitsgerät. Am gravierendsten wirkte sich der Niedergang
des Sozialismus aus. Georgien wurde unabhängig und hatte im folgenden
rasenden Verfall der Wirtschaft jahrelang kein Geld, um das Projekt
voranzubringen. Hinzu kam, daß die Swanen selbst das Museum als sowjetische
Gründung skeptisch betrachteten, gewissermaßen als Sammellager für den
staatlich organisierten Kunstraub. Auch wenn Ciala Tschartolani mittlerweile
zu einer Art Grande Dame der kaukasischen Kunstsammlungen geworden und als
Hüterin der swanischen Identität akzeptiert ist, gelingt es ihr kaum, die
Sammlungen weiter auszubauen.

Noch immer sind auch viele Werke hier oben in Privatbesitz swanetischer
Familien, und viele dieser privaten Sammlungen werden hoch geehrt und nicht
herausgegeben. Manche davon sind inzwischen durchaus gut restauriert. Andere
bedürfen dringend einer Restaurierung. Natürlich bieten wir den Besitzern
auch an, Kontakte zu vermitteln oder die Werke im Museum zu verwahren. Aber
nach den Erfahrungen aus der Sowjetzeit haben viele Familien Angst, daß sie
ihre wertvollsten Dinge, die manchmal seit Jahrhunderten weitervererbt
wurden, nicht zurückbekommen. Manche mißtrauen sogar auch mir noch und
zeigen mir ihre Bilder nicht einmal.

Kein Zweifel, die Swanen sind stolz auf ihre Schätze, auch auf dieses
Museum. Andererseits pflegen sie einen anderen Kunstbegriff als der Westen.
Ikonen, auch wenn sie noch so alt sind, bleiben Gegenstände des täglichen
Gebrauchs. Sind sie irgendwann unbrauchbar, wird ein Maler für eine neue
Ikone beauftragt. Das Abbild des Heiligen ist, das was zählt. Nicht das
historische Alter oder der Rang eines Kunstwerks. Das macht es schwer für
jede Museumsdirektorin, der überdies kein Etat für Nachforschungen zur
Verfügung steht. Nicht einmal die notwendigsten restauratorischen Arbeiten
können aus Geldmangel geleistet werden. Es gibt keine Anlagen, die das
Mikroklima für die empfindlichen Handschriften aus dem 10. Jahrhundert
regelt. Viele Vitrinen sind undicht, die aggressive Beleuchtung läßt
allmählich die Farben bleichen. Die Leitung des Hauses muß ohne Computer und
ohne Fachbibliothek auskommen. Das Museum, gerade erst eröffnet, ähnelt in
manchem noch immer einem Rohbau. Von einem eigenen Restaurator ganz zu
schweigen. Ciala Tschartolani zeigt ihre Verzweiflung ungern, aber sie
spiegelt sich doch in ihrer Mimik.

Vielleicht wird es einmal eine Zeit geben, in der wir schon am Beginn eines
Jahres sicher wissen, ob und wieviel Geld wir für die nächsten
Ausstellungen, Kataloge und sonstigen Arbeiten haben werden. Ob wir uns
vielleicht sogar einmal einen Computer leisten können oder eine
Restaurierung. Vielleicht werde ich das nicht mehr schaffen, weil ich schon
zu alt bin. Aber eines Tages wird es vielleicht einem anderen Direktor
gelingen, darauf hoffe ich. Die Hauptsache ist, daß das Museum bestehen
bleibt. 

In der Tat ist die Zukunft ungewiß. Ein neuer Museumverbund ist für Georgien
geplant, der die Verwaltung aller Museen des Landes zentralisieren soll. Die
Swanen jedoch fürchten, daß ihre großen alten Schätze auf diesem Weg
ebenfalls nach Tbilissi ins Nationalmuseum geschafft werden könnten, eine
Tagesreise entfernt. Und bevor das geschieht, heißt es, holen sich die
Swanen eher die Bilder aus ihrem Museum zurück. 

http://www.dradio.de/




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