[CPProt.net] Jährlich wird Kunst im Wert von acht Milliarden Dollar geraubt. Selbst das FBI ist überfordert

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Thu Dec 8 23:28:51 CET 2005


50/2005  


Klauen in großem Stil

Jährlich wird Kunst im Wert von acht Milliarden Dollar geraubt. Selbst das
FBI ist überfordert

Von Claudia Herstatt

Kunstraub ist kein Kinderspiel und wird doch als solches verkauft: als ein
Brettspiel im Munch-Museum in Oslo. Dort wurden im August 2004 zwei
Hauptwerke Edvard Munchs entwendet, Der Schrei und Madonna – nun lässt sich
der Raub im Familienkreis nachstellen. Zur Wiederauffindung der Gemälde wird
das kaum beitragen. Dafür sind aber hinter den Kulissen ganz andere Kräfte
am Werk.

Seit kurzem hat das FBI (Federal Bureau of Investigation) mit Hauptsitz in
Washington Tausende gestohlener Werke ins Internet gestellt
(www.fbi.gov/hq/cid/arttheft.htm). Auf der Top-Ten-Liste ungeklärter
Kunstdiebstähle stehen neben den Munch-Gemälden auch das im Mai 2003 aus dem
Kunsthistorischen Museum in Wien entwendete Salzfässchen Saliera von Cellini
(Schätzwert 55 Millionen Dollar), die Leonardo da Vinci zugeschriebene
Madonna mit der Spindel, die 2003 auf dem schottischen Drumlanrig Castle von
der Wand gerissen wurde, sowie vor allem Raubgüter aus dem Irak. 

Über den Link auf das 2003 gegründete Art Theft Program setzt das FBI auf
Hinweise zur Wiederauffindung der Schätze. Und tatsächlich gelang es so im
September der FBI-Task-Force, ein Selbstporträt von Rembrandt
zurückzuerlangen, das im Jahr 2000 aus dem Schwedischen Nationalmuseum
gestohlen worden war. In Los Angeles wurde ein Ankauf fingiert, der
Diebesring flog auf. 

Das achtköpfige Art Crime Team schätzt, dass jährlich Kunst im Wert von acht
Milliarden Dollar geraubt wird. Im Sinne des Objektschutzes muss diskret ge-
und verhandelt werden. Und so zieht sich um die Investigationen eine Mauer
des Schweigens. »Eher würde ich mir ins Bein schießen, als einen Ton über
den Stand der Dinge der Recherche nach der Saliera zu sagen«, sagt ein
Oberst beim österreichischen Bundeskriminalamt, »die Ermittlungen dürfen
unter keinen Umständen gefährdet werden.«

170000 Fälle von gestohlenen Kunstwerken verfolgt das Art Loss Register mit
Stützpunkten in Köln, London und St. Petersburg derzeit. Wie schwierig es
ist, den Tätern auf die Spur zu kommen, belegen die Zahlen. Kaum mehr als 20
Objekte konnte das Kölner Büro in diesem Jahr bisher identifizieren. 

Das Art Loss Register stellt keine Listen gestohlener Dinge ins Netz. Die
Geschäftsführerin Ulli Seegers sagt: »Wir wollen Kriminelle nicht auf unsere
Fährten locken.« Aber sie hält die FBI-Initiative für einen guten Versuch,
ein »erhöhtes Augenmaß auf die Problematik zu lenken«. Gemeinsam mit dem
FBI, das auf die Hilfe von mehr als 56 Dienststellen und 400 Zweigstellen
weltweit setzen kann, hat das Art Loss Register erst kürzlich mehrere nach
der Wende in der früheren DDR abhanden gekommene Kunstwerke bei einem
dubiosen Internet-Anbieter in den USA aufspüren können. 

»Nicht nur mit den Experten des FBI, auch dem Bundeskriminalamt, Inter- und
Europol, den Landeskriminalämtern stehen wir ständig im Austausch«, sagt
Ulli Seegers. »Eine große Hilfe ist auch die Polizei in Rom, die 40
Carabinieri gegen den Kunstraub eingesetzt hat.« Italien liegt mit an der
Spitze der Kunstraubstatistik.

Der in Berlin stationierte FBI-Dienststellenleiter Richard F. Tamplin sagt:
»Seit der Gründung vor einem Jahr hat das Art Crime Team 100 Kunstwerke im
Wert von rund 50 Millionen Dollar auffinden können, das ist ein Anfang.«
Dazu gehörte ein Werk von Francisco de Goya ebenso wie ein Teil einer
Rüstung, die aus dem ersten Jahrtausend nach Christus stammt, 1987 in Peru
aus einem Grab gestohlen wurde und sich ausgerechnet im Besitz des
Generalkonsuls von Panama wiederfand. Inzwischen kam es zu zwei Festnahmen.

Die Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff lenkt inzwischen
auch wieder das Augenmerk auf die Raubgrabungen im Irak. Da ist das FBI in
jüngster Zeit nur in kleinem Umfang fündig geworden: Acht Rollsiegel, die
ein Straßenhändler einem US-Soldaten angeboten hatte, wurden sichergestellt.
»Das ist ein besonders kompliziertes Feld«, sagt Bonnie Magness-Gardiner,
die Managerin des Art Theft Program in Washington auf Anfrage, »wir
vermuten, dass das, was dort derzeit in großem Stil ausgegraben wird, erst
mit Zeitverzögerung und später mit scheinbar soliden Provenienzen auf den
Markt kommt und so möglicherweise in den Museen landet. Aber wir haben ein
scharfes Auge darauf.«

DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50




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