[CPProt.net] Die entführte Susanne Osthoff engagierte sich gegen den Diebstahl von Kulturgütern im Irak / German hostage in Iraq was there to document the looting of cultural property

MSN CPPnet (Ton Cremers) museum-security at museum-security.org
Sat Dec 3 07:35:38 CET 2005


„Wir wollten den Kunstraub im Irak dokumentieren“
Die entführte Susanne Osthoff engagierte sich gegen den Diebstahl von
Kulturgütern im Irak. War sie auch deshalb in Gefahr, Herr Müller-Karpe?

Das kann ich nicht ausschließen. Sicher ist jedenfalls, dass es manchen
Kreisen nicht gefallen hat, wie sie sich gegen die Plünderungen von
historischen Stätten eingesetzt hat. Es wurde mehrfach versucht, sie daran
zu hindern. Ich selbst habe sie im Oktober 2004 in Bagdad getroffen. Damals
beschlossen wir, gemeinsam in den irakischen Süden zu fahren, um dort die
Zerstörungen durch Raubgrabungen zu dokumentieren. Wir planten, mithilfe des
gewonnenen Bildmaterials in Deutschland eine große Kampagne gegen den Handel
mit geraubten Gütern zu starten. Es kam jedoch nicht dazu, weil man uns im
Irak signalisierte, dass jeder, der sich den Ausgrabungsstätten nähert,
getötet würde. 

Welche Ausmaße hat der Raub von Kulturgütern im Irak?
 
Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, die Unesco, hat kürzlich eine
Schätzung bekannt gegeben, dass weltweit ein Umsatz von sechs Milliarden
US-Dollar mit geraubtem Kulturgut gemacht wird. Der Irak gilt derzeit als
ein besonders drastisches Beispiel. Das liegt daran, dass im Süden des
Landes praktisch Chaos herrscht. Die Regierung hat dort kaum Macht und auch
die Alliierten sind hauptsächlich damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu
retten. Für den Schutz der archäologischen Stätten vor Ort fehlen die
Kapazitäten. Das hat bereits dazu geführt, dass systematisch die Ruinen
ganzer Großstädte zerstört wurden, die 5000 Jahre nahezu unversehrt
überdauert hatten – nur, um veräußerbare Objekte herauszureißen und damit
einen nimmersatten internationalen Antiquitätenmarkt zu versorgen. 

Wer sind die Abnehmer solcher Hehlerware?

Die sitzen hier im Westen. Das sind Privatabnehmer, aber auch Museen.
Inzwischen wird die Hehlerware auch zunehmend als Geldanlage genutzt. Anfang
der 90er hat es Versteigerungen in Deutschland und England bei Sotheby’s und
Christie’s gegeben, da sind mesopotamische Objekte binnen weniger Minuten
für den zehn- bis zwanzigfachen Schätzpreis verkauft worden. 

Was unternimmt die irakische Regierung gegen diesen Handel mit Kulturgütern?

Sie unternimmt große Anstrengungen, hat aber einfach nicht die
erforderlichen Möglichkeiten. Zusammen mit Deutschland bildet sie
Polizeikräfte aus, die auch die Raubgrabungen verhindern sollen. Insofern
macht die Forderung der Entführer Sinn, Deutschland solle seine
Unterstützung der irakischen Regierung einstellen. Allerdings fügt jeder
Tag, an dem die Entführung in den Medien ist, der Raubgrabungs-Branche mehr
Schaden zu, als es eine ganze Armee in Deutschland ausgebildeter irakischer
Polizisten jemals tun könnte. Wenn Deutschland jetzt, unter dem Druck einer
empörten Öffentlichkeit, beschließen sollte, die Unesco-Konvention von 1970
zum Kulturgüterschutz zu ratifizieren und damit der Handel mit geraubtem
Kulturgut hier zu Lande verboten würde, bräche damit einer der weltweit
letzten Märkte weg, in denen man solches Plündergut noch legal absetzen
kann. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die, die seit 35 Jahren
erfolgreich verhindern, dass Deutschland seine Grenzen für geplündertes
Kulturgut schließt, jetzt stillschweigend die geforderte Lösegeldsumme nach
Bagdad überweisen und ihre Hintermänner im Irak bitten, die Geisel so
schnell wie möglich freizulassen.

Wie könnte hier in Deutschland der Handel mit Hehlerware besser unterbunden
werden?

Deutschland muss endlich eine Antikengesetzgebung schaffen, die den Handel
mit Hehlerware aus den Ausgrabungsstätten unterbindet. Vor allem sollte es
endlich die Unesco-Konvention von 1970 unterzeichnen. Sie sieht vor, dass
jedes Land die Gesetze, die andere Länder zum Schutz ihres kulturellen Erbes
erlassen haben, respektieren muss. Praktisch alle Länder haben die
Konvention ratifiziert, nur Deutschland nicht. Hier ist es nach wie vor
legal, mit Objekten, die nach den Gesetzen des Iraks als Hehlerware zu
bezeichnen sind, zu handeln.

Der Archäologe Michael Müller-Karpe ist beim Römisch-Germanischen
Zentralmuseum in Mainz verantwortlich für Kooperationsprojekte mit dem Irak.


Das Gespräch führte Annabel von Heydebreck.  

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